Krall's publication, 1892, pp. 21-23
I. Der Fund.
§9. Schrift und Tinte.
Ueber Schrift und Tinte wird in dem Excurs eingehend gehandelt. Von den ursprünglichen schwarzen, circa 1.3 Mm. breiten Buchstabenstrichen sind nur einige wenige Reste, welche, wie die Reproduction eines Stückes der Binden in dreimalig Vergrösserung auf Tafel X zeigt, meistens in den Furchen, welche durch die sich durchflechtenden Garnfäden des Gewebes entstehen, haften und darum den äusseren Einwirkungen besseren Wiederstand zu leisten vermochten, erhalten geblieben. Doch sind an manchen Stellen auch an den oberen Theilen der Sechsecke der Leinwand Reste der Tinte erhalten. Diese Erscheinung ist eine Folge der Verwitterung der Schrift und nicht etwa so zu erklären, dass die Zeichen auch ursprünglich aus punkten bestanden hätten, welche in den Furchen der Leinwand untergebracht waren. Mit den beschriebenen Mumienbinden oberägyptischer Provenienz verglichen, zeigen die Agramer Binden einen weit höheren Grad von Verwitterung und Verwischung der Schrift. Hier muss daran erinnert werden, dass die klimatischen Verhältnisse in Oberägypten ganz andere sind als in Unterägypten, speciell in Alexandreia, wo wir aller Voraussicht nach die Heimat der Binden zu suchen haben. Vor Allem regnet es in Oberägypten, wie schon Herodot III, 10 bemerkt hat, fast gar nicht. Zudem wissen wir überhaupt nicht, was Alles mit der Rolle geschehen ist, bevor sie ihren Weg in die Werkstatt der ägyptischen Einbalsamirer fand. In dieser eigenthümlichen Verwitterung und Verwischung der Schrift liegt auch die Erklärung des Umstandes, dass der Charakter der Schrift so lange unerkannt geblieben ist.
Die eben erwähnte Reproduction eines Stückes der Binden zeigt uns ferner recht deutlich, dass durch eine Vergrösserung der Zeichen die Chancen der Lesung nicht wachsen. Betrachtet man dagegen die Buchstaben mit einem Verkleinerungsglase, so treten sie schärfer hervor, indem die schwarzen Pünktchen, aus denen sie bestehen, mehr aneinanderrücken. Dieser Umstand kommt den Lichtdrucken, welche um ein Drittel gegen das Original verkleinert sind, zu Gute.
Die Schrift erinnert an die Formen der bilinguen Grabschrift des Haruspex von Pesaro (Fabretti 69 und T VI bis). Die Schenkel der Buchstaben e und v sind in beiden Texten in ähnlicher Weise eingabogen (Corssen I, 27, Müller-Deecke II, 529). Ich möchte darin nicht geradezu eine 'Entartung und Verwahrlosung' der spätetruskischen Schrift sehen, sondern in der Abrundung der Formen eine charakteristische Eigenthümlichkeit der paläographischen Denkmäler erblicken, die gelegentlich auch von den epigraphischen nachgeahmt werden konnte. Eckige Formen sind der Steinschrift, abgerundete der Schrift der Papyrus und Leinwandstreifen eigenthümlich. Die Regelmässigkeit und die Sichercheit, mit welcher die vielen Tausende von Buchstaben auf der Leinwand aufgetragen sind, lässt uns in dem Schreiber einen geübten Kalligraphen erkennen.
Die Zwischenräume zwischen den Zeilen sind 4 Mm. breit. Die einzelnen Worte sind durch einen einfachen Punkt von einander getrennt. Die Zeilen sind nicht gleich lang, da sie mit dem Wortende abbrechen. An einigen Stellen, wo der Schreiber mit dem Raume ins Gedränge kam, hat er den oder die Buchstaben, die er innerhalb der vorgezeichneten Grenzlinien der Columnen nicht unterbringen konnte, darüber geschrieben (vgl. II 12 s'vencve, IX g 3 thaxsein, X 19 ces'asin, X g 5 neri). Dieselbe Erscheinung können wir auch in griechischen und koptischen Handschriften ägyptischer Provenienz beobachten.
Mit rother Tinte sind die Zahlzeichen in VII 5, 12, XII 9 geschrieben. Rothpunktirte Linien finden wir VI 8/9, XI 13/14, eine schwarzpunktirte V 14/15. Ob im letztgenannten Falle eine Hervorhebung der betreffenden Stelle beabsichtigt oder ob nicht vielmehr eine Andeutung vorliegt, dass dieselbe zu tilgen ist, bleibe dahingestellt.
Auch nach Feststellung des Schriftcharakters bietet die Lesung eines grossen Theiles des Textes grosse Schwierigkeiten dar. Dieselben liegen einmal in der argen Verwitterung der Schrift, dann in dem Umstande, dass mehrere Stellen des Textes in der grossen dunkelgrünen Flecken fast ganz verschwunden sind, welche die Binden verunstalten. Da die flecken erst entstanden sind, als die Leinwand beschrieben war, lässt sich durch eine partielle Entfernung der Flecken, an welcher sich J. Wiesner mit grossem Glücke versucht hat, zumeist die darunter liegende Schrift wieder herstellen. Das Haupthinderniss bei der Lesung der schierigen Stellen des Textes bildet natürlich der Umstand, dass uns die Sprache, in welcher derselbe geschrieben ist, unbekannt ist. Es musste die Lesung rein auf die erhaltenen Buchstabenspuren gestützt werden; auch dort, wo man nach dem bisherigen Stande unserer Kenntniss etwas Anderes zu erwarten sich berechtigt fühlen möchte, wurde der Lesung auf Grund der paläographischen Kriterien der Vorzug gegeben.1
1 So gebe ich in Columne VIII 7 reuxzina und in der darauffolgenden Zeile reurzineti, wiewohl die Annahme naheliegend ist, dass wir in beiden Fällen es mit demselben Worte zu thun haben. In Zeile 13 derselben Columne ist die Lesung ruze nuzlxne zati zatlxne auffallend, man möchte entweder ruze ruzlxne oder nuze nuzlxne erwarten.Aus diesem Grunde boten jene Stellen, an denen nur die obersten oder untersten Enden einzelner Buchstaben erhalten waren, der Ergänzung besondere Schwierigkeiten dar. Trotz allendem gelang es, durch eine über zwölf Monate unausgesetzt dauernde Beschäftigung mit diesem Binden, den weitaus grössten Theil des Textes mit Sicherheit zu ermitteln. Bei der Entzifferung habe ich die allen Paläographen wohlbekannte Beobachtung oft machen können, dass ich einige schwierige Stellen, die ich bei besonders günstiger Beleuchtung im Sommer 1891 lesen konnte, später nicht mehr zu verificiren im Stande war. Es ist Hoffnung vorhanden, dass spätere Nachvergleichungen bei günstigem Lichte und Grund eines besseren Verständnisses des Textes, zu welchem die Forschung wohl bald gelangen wird, die Gesammtheit dessen, was auf den erhaltenen Binden stand, ergeben werden.
§10. Inhalt der Rolle, pp. 23-27
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