Krall's publication, 1892, pp. 20-21



I. Der Fund.


§8. Die Leinwandrolle.

Wir haben schon bemerkt, dass die zwölf Schriftcolumnen, welche wir auf den Binden in ihrer jetzigen Erhaltung nachweisen können, schwerlich die ursprünglich Anzahl der Columnen darstellen. Da, wie wir gesehen haben, bei der Niederschrift des Textes die Verwendung des Streifens zu Mumienbinden auf keinen Fall beabsichtigt war, so wäre es - vollends nach der zweiten möglichkeit - ein gar merkwürdiger Zufall, wenn die Streifen genau die zur Umwicklung der Mumie erforderliche Länge gehabt hätte; es ist vielmehr sehr wahrscheinlich, dass die Einbalsamirer von dem ihnen vorliegenden Leinwandstreifen si viel genommen, als sie für den vorliegenden Zweck benöthigen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war der ursprüngliche Text länger - vielleicht viel länger - als der erhaltene.

Breitet man die einzelnen Mumienbinden in der richtigen Reihenfolge und unter Berücksichtigung der Lücke zwischen Binde 8 + 5 + 7 + 9 und Binde 3 aus, so erhält man bei einer Länge von 3.50 M.1 als wahrscheinliche Höhe des ursprünglichen Streifens 36-40 Cm. Bedenkt man, dass die Papyrusrollen in der späteren, also auch in der Ptolemäerzeit die Höhe von 40 Cm.2 und darüber erreichen, dass eine Columnbreite von 24-25 Cm. wie bei dem Agramen Texte bei ägyptischen und griechischen Texten auf Papyrus etwas ganz Gewöhnliches ist, so wird es wohl gestattet sein, unser Denkmal in seiner ursprünglichen Gestalt - nach Analogie der Papyrusrolle - als eine Leinwandrolle zu bezeichnen. Unwillkürlich fallen uns die libri lintei ein, werden wir daran erinnert, dass auf leinenen Rollen die heiligen Urkunden der Samniten wie der anagninischen Priesterschaft geschrieben waren, und ebenso die ältesten, im Tempel der Juno Moneta auf dem Capitol bewahrten Verzeichnisse der römischen Magistrate (Mommsen, Römische Geschichte I6, S. 217).

Die nachfolgende Zusammenstellung über das Vorkommen der libri lintei verdanke ich Herrn Dr. Frankfurter. "Der früheste Zeuge ist  L i v i u s,  der zum Jahre 310 d. St. (=440 v. Chr.) für ein Paar von Consuln, 'qui neque in annalibus priscis neque in libris magistratuum inveniuntur', sich auf die libri lintei beruft, die im Tempel der Juno Moneta auf dem Capitol aufbewahrt werden und die man sich als eine alte, auf Leinwand geschriebene Chronik zu denken hat; seine Worte lauten: IV, 7, 12, 'Licinius Macer auctor est et in foedere Ardeatino (das jene Consuln geschlossen haben) et in  l i b r i s  l i n t e i s  ad Monetae inventa' (scil. nomina consulum). Dieselbe Quelle nennt Livius etwas später IV, 20, 8 (a. 317 a. u. =437 v. Chr.) 'magistratum libri quos3 linteos in aede repositos Monetae Macer Licinius citat identidem auctores'. Ein auf Leinwand geschriebenes Ritualbuch bei dem Samniten erwähnt Livius X, 38, 6 'ibi ex libro vetere linteo lecto sacrificatum sacerdote Ovio Paccio quodam, homine magno natu, qui se id sacrum petere affirmabat ex vetusta Samnitium religione.' Der Kaiser Marc Aurel erwähnt in einem Briefe an Fronto, IV, 4, unter den Alterthümern von Anagnia 'multi  l i b r i  l i n i t e i  (so in der Handschrift), quod ad sacra adtinet'. In der interessanten Zusammenstellung der Beschriebstoffe erwähnt Plinius n. h. XIII, 69 auch die Leinwand; er sagt: 'in palmarum foliis primo scriptitatum, dein quarundam arborum libris (Bast), postea publica monimenta plumbeis voluminibus, mox et privata linteis confici coepta aut ceris; pugillarium enim usum fuisse etiam ante Troiana tempora invenimus apud Homerum.' Ein Beispiel solcher für Privatzwecke bestimmter libri lintei, die aber doch auch einen officiellen Charakter hatten, sind die Tagebücher des Kaisers Aurelian, die nach Angabe seines Biographen auf seinen Befehl angelegt wurden. Vopiscus, v. Aureliani 1, 7 haisst es: 'quae omnia ex libris, in quibus ipse quotidiana sua scribi praeceperat, condisces' und 8, 8 citirt Vopiscus einen Brief des Valerian über Aurelian, den er diesen libri lintei entnommen: 'Inveni nuper in Ulpia bibliotheca inter linteos libros epistolam divi Valeriani de Aureliano principe scriptam.' - Wie aus Claudian de b. Getico v. 232 (quid carmine poscat fatidico custos Romani carbasus aevi) und Symmachus Epist. IV, 34, 3 (Seeck p. 110) (monitus Cumanos lintea texta sumpserunt) ersichtlich ist, waren auch die Sibyllinischen Bücher wenigstens später auf Leinwand - aus Juvenal VIII, 126 wollte man schliessen, dass die früheren auf Palmblättern waren - geschrieben. Noch Constantin verordnet 315 (vgl. Cod. Theod. 11, 27, 1) aereis tabulis vel cerussatis aut linteis mappis scripta per omnes civitates Italiae proponatur lex, quae parentum manus a parricidio arseat, votumque vertat in melius."
1 Unter den erhaltenen Stücken führt uns, wie bemerkt (s. S. 14), Binde 8 + 5 + 7 + 9 am weitesten. In der jetzigen Erhaltung misst dieselbe 322 Cm. Die Vergleichung mit den anderen Binden zeigt, dass am Schlusse der Binde 8 ein Stück von über 10 Cm. Länge fehlt. Ausserdem müssen wir in Rechnung ziehen, dass die erste der erhaltenem Columnen nicht vollständig vorliegt, sondern dass ihr noch 16 Cm. zu der Normalbreite der Columnen (s. S. 13) fehlen. So gewinnt man die oben gegebene Minimalgrösse der Leinwandrolle.
2 Borchardt, Bemerkungen zu den ägyptischen Handschriften des Berliner Museums, 'Aegyptische Zeitschrift', 1889, S. 118.
3 et quos Beaufort, Dissert. sur l'incert. 74 und Becker, R. A. I, 17; quosque Lachman, de fontib. hist. Livii I, 13. Vgl. jedoch Schwegler, R. G. I, 17.

Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass dieser Text für die Bedürfnisse einer etruskischen Colonie, die wir in Unterägypten, speciell in Alexandrien, annehmen, an Ort und Stelle geschrieben wurde; aber es liesse sich auch denken, dass er auf einer Leinwandrolle ägyptischen Fabrikats - man denke daran, dass Aegypten die ganze gebildete Welt des Alterthums mit einem anderen Schreibmateriale, dem Papyrus, versorgte - in Etrurien selbst niedergeschrieben wurde und dann erst nach Aegypten kam.

§9. Schrift und Tinte, pp. 21-23

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