Krall's publication, 1892, pp. 17-19
I. Der Fund.
§7. Die Zeit der Niederschrift der Binden. - Die Turscha-Frage.
Aber sei es, dass die beschriebenen Binden und die Mumie zusammengehören und die letztere etruskischen Stammen ist, sei es, dass die Binden sozusagen als Maculatur auf die Mumie kamen, die Thatsache bleibt nach diesem Funde bestehen, dass auf ägyptischem Boden ein etruskischer Text von erheblicher Länge in Verwendung war. Man wird anzunehmen haben, dass in dem Gewirr von Menschen verschiedener Rasse, welche in Unterägypten, speciell in Alexandrien, zusammenkamen, auch Angehörige etruskischen Stammes sich fanden. Bei den lebhaften Bezichungen zwischen Rom und Aegypten seit den Zeiten des zweiten Ptolemaios hat diese Annahme gewiss nichts Auffallendes. Da es andrerseits bekannt ist, dass die etruskische Schrift und Sprache in der Zeit des Cicero und Augustus in Anwendung waren, aus späterer Zeit aber keine Inschriften erweislich sind (Corssen I, 32), so ist es schon aus allgemeinen Erwägungen sehr wahrscheinlich, dass der Text zu der Zeit der Ptolemäer niedergeschrieben wurde.
Von dem betäubenden Sprachengewirre, welches in Alexandrien in der Ptolemäerzeit und römischen Kaiserzeit herrschte, kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, dass in den Ruinen von Arsinoë, einer vom Welthandel nicht berührten Provinzialstadt Aegyptens, Papyrus in griechischer, arabischer, koptischer (in allen drei Dialekten), persischer, hebräischer, syrischer, lateinischer Sprache vorgefunden wurden. Wer hätte es erwarten können, dass Pehlewi-Papyrus in verhältnissmässig grosser Zahl in el-Faijûm zum Vorschein kommen würden? Von systematischen Ausgrabungen in Unterägypten haben wir für die Geschichte jener Völker, welche mit Aegypten in Berührung gekommen sind, gewiss die überraschendsten Aufklärungen zu gewärtigen, als deren Vorläufer die Agramer Texte anzusehen sind. Die Ausgrabungen von Naville und Flinders Petrie haben dies nach einer Richtung hin genügend dargethan.
Dem Agramer Funde gegenüber wird man nicht abgeneigt sein, ein etruskisches Viertel mit eigenem Cultus in Alexandria anzunehmen. Ich erinnere an die Siedelungen der Phoiniker, Griechen und Juden auf ägyptischen Boden. Das grosse Entgegenkommen, welches die polytheistischen Völker nach dieser Richtung beweisen, bezeugt das Gesuch der im Peiraieus residirenden, als geschlossene Körperschaft auftretenden Kaufleute aus Kition um Gestattung der Erwerbung eines Grundstückes, auf welchem ein Heiligthum der heimischen Aphrodite ('Astarte) gebaut werden sollte. Unter Hinweis auf den Präcedenzfall der Aegypter
( )
ward die Bitte bewilligt1.1 U. Köhler im Hermes, 5, S. 351 ff. und C I A. II, 1, S. 76, Nr. 168.Auch die paläographischen Kriterien sprechen für den aus allgemeinen Erwägungen gewonnen Ansatz der Niederschrift dieses Denkmals in der Ptolemäerzeit (s. u. S. 22).
So viel wird aber aus dem Schriftcharakter und den bisherigen Erwägungen hervorgehen, mit dem Volke der Turscha, welches in Verbindung mit anderen Völkern des 'Meeres' durch Jahrzehnte Aegypten und seine Nachbarländer bedrängte, hat unser Denkmal direct nichts zu thun. Zum ersten male wird dieses Volk
in der bekannten, zuerst von Dümichen publicirten Inschrift von Karnak aus der Zeit Menephtah II. (Ende des dreizehnten Jahrhunderts v. Chr.) erwähnt. Wir finden es wieder in den Inschriften Ramses III. (Anfang des zwölften Jahrhunderts v. Chr.) in Medinet Abu im Bunde mit einer Reihe von Völkern, welche alle als Bewohner der Inseln und Küstengegenden des Mittelmeeres bezeichnet werden. Die Angabe der Texte von Medinet Abu, dass diese Küstenvölker, unter denen die Turscha einen ganz hervorragenden Platz einnahmen, die Gebiete der Cheta, von Kati, Karchemisch, Arados, Arosa plündernd durchzogen und keines derselben ihnen Stand gehalten, dann im Lande der Amoriter erschienen und endlich Aegypten bedrängten, veranlasst uns, als Ausgangpunkt der Mehrzahl dieser Völker Kleinasien anzunehmen. Die Darstellungen, welche die Inschriften von Medinet Abu in erwünschtester Weise ergänzen, zeigen uns, dass Theile dieser Völker mit Frauen, Kindern und der gesammten Habe, welche auf primitiven, mit je zwei Ochsenpaaren bespannten Karren untergebrach waren, den Landweg verfolgten, während andere als Seeräuber ihr Glück versuchten. Einige Ergänzungen zu diesem monumentalen Angaben verdanken wir Flinders Petrie.In Medinet Gurob hat dieser hochverdiente Forscher den Sarg eines Mannes mit Namen
An-Turscha gefunden und schliesst daraus und aus dem Umstande, dass 'the face' (auf dem Sarge) 'is certainly non-Egyptian', dass wir es hier mit einem Angehörigen des Turscha-Volkes zu thun haben. Aus dem Vorkommen anderer unägyptischer Namen, die Petrie in den Inschriften von Gurob gefunden hat, glaubt er eine Ansiedlung von Turscha mit Hethitern gemischt in diesem Theile des Faijûm nachweisen zu können1. Dem muss man entgegenhalten, dass wir in Medinet Gurob hart an der libyschen Grenze stehen, die Sprachen dieser libyschen Grenznachbarn Aegyptens uns bekannt sind, und Namen wie P-char (der Syrer), P-nuhas (der Neger) von Mannern gut ägyptischer Herkunft geführt wurden. Doch soll damit die Möglichkeit der Ansiedlung von kriegsgefangenen Turscha auf ägyptischem Boden nicht geleugnet werden.1 Kahun, Gurob and Hawara, S. 36: 'The coffin of Anen-Tursha (Pl. XIX), apparently one of the foreign Tursha race, formerly identified with the Etruscans, but perhaps rather to be connected with the Tirseni or Tyrrhenians of Lemnos and the Dardanian coast...' und S. 40: '... whatever view we take of their exact position, it is certain that this man, Anen (or An, or Anu, as some would read it) the Tursha, was of the people who allied with the Libyans, Akhaians and others, came into collision with Egypt in the Ramesside period.'Jedenfalls ist das Vorkommen des Namens An-Turscha in einer entlegenen Gegend des Faijûm ein Beweis dafür, dass die Beziehungen Aegyptens zu dem Volke der Turscha nicht ephemerer Natur waren. Thatsächlich wissen wir, dass diese Völkerbewegungen, bei welchen die Turscha eine Hauptrolle spielten, mindestens ein halbes Jahrhundert füllten und ihr Analogon in den Stürmen der Kimmerer und Skythen finden, welche die vorderasiatische Culturwelt im siebenten Jahrhunderte v. Chr. in ihren Grundfesten erschütterten . Auch an die Bewegungen der Volkenwanderung, an die kühnen Züge und Fahrten germanischer Stämme, der Franken, der Normannen wird man lebhaft erinnert.
Unter den verschiedenen Ansichten, die über die Turscha ausgesprochen wurden, scheint mir die Gleichsetzung derselben mit den Tyrsenern jetzt die meiste Wahrscheinlichkeit für sich zu haben. Allem, was wir aus dem classischen Alterthum über die Tyrsener hören, würden die kühnen Beutezüge der Turscha vorzüglich entsprechen. Durch die Auffindung der vorgriechischen Inschrift von Lemnos ist die Tyrsenerfrage in ein neues Licht gerückt worden. Bugge and Pauli2 haben zu gleicher Zeit auf die zahlreichen Ankläge und Uebereinstimmungen zwischen der Sprache dieser Inschrift und dem Etruskischen aufmerksam gemacht. Die von Pauli gegebenen Deutungen scheinen mir im Grossen und Ganzen evident zu sein, nementlich wird sich gegen die Deutung von sialxveis3 : aviz, beziehungsweise aviz : sialxviz jetzt, wo die Agramer Binden die Form cialxus' erschlossen haben, kaum etwas Erhebliches einwenden lassen.
2 Bugge, Der Ursprung der Etrusker durch zwei lemnische Inschriften erläutert. - Pauli, Eine vorgriechische Inschrift von Lemnos.
3 Diese Lesung von Bréal und Bugge wird jetzt auch von Pauli acceptirt (Brief aus Leipzig vom 24. Jänner 1892).'Entweder Stammt das etruskische Volk Italiens von griechischen Tyrrhenern, die sich auf ihren Schiffen nach dem westlichen Meer hinauswagten und in Etrurien eine neue Heimat fanden, oder aber die griechischen Tyrrhener sind etruskische Seefahrer, die, aus Italien gekommen, sich auf Inseln und an Küsten des griechischen Meeres festgesetzt haben, ohne jedoch ihre Verbindung mit dem Mutterlande völlig aufzugeben.' In dieser Weise hat Bugge die Fragen, welche durch die Inschrift von Lemnos und, wie wir hinzufügen können, durch das Auftauchen der Turscha in Aegypten aufgeworfen worden, richtig formulirt. Eine stricte Beantwortung derselben ist bei dem jetzigen Stande unseres Wissens kaum möglich.
§8. Die Leinwandrolle, pp. 20-21
Go to Chapters: [ I. §1. ] | [ §2. ] | [ §3. ] | [ §4. ] | [ §5. ] | [ §6. ] | [ §7. ] | [ §8. ] | [ §9. ] | [ §10. ] |
[ II. ] | [ Columns I.-XII. ] | [ notes ] |
[ III. ] | [ IV. ] | [ V. ] |
Tables: [ I. ] | [ II. ] | [ III. ] | [ IV. ] | [ V. ] | [ VI. ] | [ VII. ] | [ VIII. ] | [ IX. ] | [ X. ]