Krall's publication, 1892, pp. 15-17
I. Der Fund.
§6. Verhältniss der Binden zu der Mumie.
Hier ist es am Platze, der Frage näherzutereten, in welchem Verhältnisse die Binden zu der Mumie, auf welcher sie gefunden wurden, stehen. Wie auch die Entscheidung in dieser Frage fallen mag, das Eine scheint mir zweifellos zu sein, dass bei der Niederschrift des Textes keinerlei Rücksicht darauf genommen wurde, dass der Leinwandstreifen in der Form von Binden Verwendung finden Würde. Man hätte doch sonst, wie bemerkt, nach ägyptischer Weise die Columnen der einzelnen Streifen aufeinander folden lassen. Es steht sonach fest, dass ein grosser Leinwandstreifen - so wollen wir vorläufig das Ganze nennen - ohne Rücksicht auf den Inhalt in barbarischer Weise zu Binden zum Zwecke der Umwicklung einer Mumie zerrissen wurde.
Zwei Möglichkeiten ergeben sich, wenn man das Verhältniss der Binden zu der Mumie, auf welcher sie gefunden wurden, ins Auge fasst. Entweder stehen sie in directem Zusammenhange mit der Mumie, oder sind sie nur durch Zufall mit derselben in Verbindung gebracht worden, derart, dass die Einbalsamirer einen ihnen als Maculatur zugekommenen etruskisch beschriebenen Leinwandstreifen zu Binden zerrissen und damit die Mumie eingewickelt hätten. Beide Möglichkeiten müssen einer näheren Prüfung unterzogen werden.
Die erste drängt sich als die natürlichere zuerst auf und wurde auch von mir ursprünglich vorgezogen. Wir müssten anch derselben annehmen, dass einem Gliede einer in Aegypten hausenden etruskischen Familie ein heimischer religiöser Text auf Leinwand von den Verwandten ins Grab1 mitgegeben wurde, welcher von den ägyptischen Einbalsamierern nicht wie eine Papyrusrolle behandelt wurde2, sondern aus Unverstand oder Habsucht, um anderes Material zu sparen, zu Binden zerrissen wurde. Aber auch wenn wir an den anderweitigen Unfung erinnern, den die ägyptischen Einbalsamirer, welche in diesem Falle kaum die Strafe des Gottes Osiris zu fürchten hatten3, nachweislich begangen haben, hat diese Annahme doch etwas Gezwungenes. Dazu kommt noch, was sich erst im Verlaufe der Untersuchung ergeben hat, dass allem Anscheine nach die beschriebenen Seiten der Binden nach innen zu lagen, gleichsam als sollte durch diese Anomalie angedeutet werden, dass der Text für die Mumie irrelevant sei, und so scheint sich das Zünglein der Wage bedeutend zu Gunsten der zweiten Annahme zu neigen. Wir hätten dann ein Analogon zu jenen Funden, von Papyrus zum Theile mit Fragmenten griechischer Dichter in der Särgen ägyptischer Mumien vor uns4. Einbrüche in Gräber, Plünderungen ganzer Nekropolen waren im alten Aegypten etwas ganz Gewöhnliches. Selbst die Gräber der 'Söhne des Sonnengottes' waren nicht gefeit. Schon der Erbauer der grössten Pyramide von Gizeh, die noch an den Anfängen ägyptischer und damit menschlicher Geschichte steht, war, wie die Anlage seiner Pyramide zeigt, von der Sorge geplagt, wie er seinen Leichnam vor diebischen Fingern sichern sollte. Zu Zeiten haben sich sehr vornehme Beamte in der alten Landeshauptstadt Theben an derartigen Raubzügen in den Nekropolen betheiligt. Gar manche Angehörige der ärmeren Classen werden auf diese Weise ihr kärgliches Dasein gefristet haben. Wenn man keine Goldschätze fand, begnügte man sich auch mit minderwerthigen Sachen, mit Papyrusrollen, Amuletten, Mumienleinwand, welche letztere bei dem, wie wir gesehen haben, riesigen Bedarfe den Einbalsamirern hochwillkommen sein musste.
1 Da die Sitte des Einbalsamirens in Aegypten ganz allgemein war und wie schon die Angaben der Genesis für Josef bezeugen, auch für Angehörige fremder Stämme seit alter Zeit zur Anwendung kam, hat diese Annahme nichts Befrembendes.
2 'When papyri are met with in mummies, they are generally placed between the first and second layers of bandages, and usually between the thighs or legs, or on the insides of the arms. In other instances they have been found in cases of human shape, made after the manner of the wooden sarcophagi.' Pettigrew, History of Egyptian Mummies, S. 135.
3 Einen charakteristischen Fall verzeichnet der Katalog des Museums in Boulaq, S. 241: 'Stèle stuquée, jadis dorée, provenant du tombeau de la dame Tatonkh... Les voleurs, qui ont enlevé l'or du reste de la stèle, ont été saisis d'une crainte religieuse devant la figure d'Osiris et l'ont laissèe intacte, preuve évidente que la profanation du monument a eu lieu du temps où l'Égypte était encore païenne.'
4 Ueber die Funde von Flinders Petrie in Tell Gurob berichtet Mahaffy 'On the Flinders Petrie Papyri', S. 9 ff. Folgendes: 'The coffins at Hawara were of wood, whereas in the necropolis of Tell Gurob they were made of layers of papyrus, torn into small pieces, and stuck together so as to form a thick carton, painted within and without with designs and religious emblems. These carton-cases were made to fit the swathed body.' Mahaffy citirt aus Letronne, Lettr à M. Passalacqua (bei Brunet de Presle, Notices et extraits XVIII, 2, S. 410) weitere Belege: 'Quant aux nombreux fragments de papyrus qui ont servi à former le cartonnage d'une momie ils sont beaucoup trop mutilés pour qu'on en puisse tirer rien de suivi... Peut-être les voyageurs, examinant avec soin les enveloppes de ce genre, trouveront-ils des morceaux, où au moins les lignes seront entières. Toutefois je ne croirais pas avoir perdu mon temps si ce que je viens de dire engageait ceux qui loppes seraient formées avec des papyrus; car on ignorait jusqu'ici que les vieux papiers avaient quelquefois, en Égypte, cet emploi final.'Den Wegen, auf welchen die Einbalsamirer nach dieser zweiten Möglichkeit in den Besitz des beschriebenen Tuches gelangt sind, nachzugrübeln, ist müssig. Es lässt sich denken, dass dasselbe bei Plünderung einer Nekropole gefunden wurde, es lässt sich denken, dass in der Zeit, da etwa vom ersten nachchristlichen Jahrhunderte das Etruskische erstarb, dieser Text einfach verworfen wurde und als hochwillkommende Beute in die Hände der ägyptischen Einbalsamirer fiel. Die Sitte der Einbalsamirung hat sich mindestens bis zum vierten nachchristlichen Jahrhunderte behauptet, erst der völlige Sieg des Christenthums hat diese im heidnischen Alterthume wurzelnde Sitte ganz ausgerottet. In ähnlicher Weise hat das Christenthum der heimischen Schrift, der demotischen, ein Ende bereitet und dieselbe durch die koptische ersetzt. In jenen Gegenden, wo sich das Heidenthum am zähesten behauptete, an der äthiopischen Grenze, in Philae, hat man auch die spätesten datirten demotischen Inschriften, aus der Mitte des fünften Jahrhunderts, gefunden, und hier wird wohl auch die Sitte des Einbalsamirens am längsten sich erhalten haben.
Wenn man die beiden Möglichkeiten erwägt, so sieht man leicht, dass der glückliche Zufall, welcher uns an der Agramer Mumie den grössten etruskischen Text in der Hände gespielt, nach der zweiten womöglich noch grösser ist.
Eine definitive Entscheidung in dieser Frage wird wohl erst die Entzifferung des Textes bringen. Aber auch eine nähere anthropologische Untersuchung der Mumie von sachverständiger Seite dürfte sich als sehr förderlich erweisen, namentlich dann, wenn es gelänge, Kriterien dafür zu gewinnen, dass wir es mit einem Gliede eines fremden, unägyptischen Volkes zu thun haben, in welchem Falle der ersteren Annahme selbstverständlich eine besondere Stütze erwachsen würde. Vorläufig konnten wir nur feststellen, dass die Mumie der griechisch-römischen Zeit angehört, ein Ergebniss, welches sich mit beiden Annahmen verträgt.
Aber auch nach der Annahme, dass Mumie und Binden in einem directen Zusammenhange stehen, wäre es noch nicht sicher, dass der Text speciell für die Mumie geschrieben war, auf welcher er gefunden wurde; es liesse sich auch denken, dass die Rolle irgenwie Bedeutung für die Mumie hatte und darum von den Verwandten derselben mit ins Grab gegeben wurde. Ich erinnere daran, dass der Haaris'sche Homer-Papyrus in der Hand einer Mumie in der Höhle von Maabdeh gefunden wurde.
§7. Die Zeit der Niederschrift der Binden. - Die Turscha-Frage, pp. 17-19
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