Krall's publication, 1892, pp. 12-15



I. Der Fund.


§5. Die Binden.

Neben den beschriebenen Binden hat die Freilegung der Agramer Mumie noch eine Menge unbeschriebener ergeben. Von der Masse von Binden und Zeugstücken, welche man auf Mumien der hellenistischen Zeit findet, gibt der Bericht eine anschauliche Vorstellung, welchen Cailliaud über die Enthüllung einer solchen Mumie am 30. November 1823 verfasst hat. Es kamen nicht weniger als 380 Meter Mumienbinden und 250-300 Quadratmeter Zeugstoffe zum Vorschein.

Die unbeschriebenen Binden und Zeugstücke der Agramer Mumie sind mit einer einzigen Ausnahme - einem fleischrothen Stück Zeug - von gelber Färbung. Sie sind jetzt zusammen mit den beschriebenen in einem besonderen Glaskasten ausgestellt.

Die Vergleichung der beschriebenen Binden mit den unbeschriebenen lässt einige charakteristische Unterschiede erkennen. Vor Allem sind die beschriebenen Binden ihrem Gewebe nach viel dichter als die unbeschriebenen. Dieser unterschied ist nicht zufällig, sondern beabsichtigt, denn es hat sich gezeigt, dass auf den beschriebenen Binden3 sich viel leichter schreiben lässt als auf den losern unbeschriebenen. Man bemerkt ferner, dass die unbeschriebenen Binden mit weniger Ausnahmen nicht jene dunklen Flecken aufweisen, welche einen grossen Theil der beschriebenen verunstalten. Dieser letztere Umstand scheint mir dafür zu sprechen, dass die Flecken nicht aus dem Innern der Mumie kamen, dass sonach die beschriebenen Binden zu der äusseren Umhüllung der Mumie gehörten.

3 Einige Striche auf der Rückseite der Binde 11 rühren, wie ich ausdrücklich hervorheben muss, von einem derartigen Schreibversuche her, den ich gemeinsam mit Herrn J. Wiesner gemacht habe.

Da die Analyse der Flecken feste Anhaltspunkte zu ihrer näheren Bestimmung nicht ergeben hat, so wäre es bei den vielen sich darbietenden Möglichkeiten müssig, der Herkunft derselben nachzuforschen. Immerhin wird man es als das Wahrscheinlichste bezeichnen dürfen, dass die Flecken in der Behausung des Arabers, der die Mumie gefunden und an M. v. Baric verkauft hat, oder auf der Fahrt von Aegypten nach Europa entstanden sind. Keineswegs sind die Flecken zu der Zeit entstanden, da, wie wir sehen werden, die Binden noch ein grosses Ganze bildeten. Legt man nämlich die einzelnen Binden aneinander, wie sie inhaltlich zusammengehören, so zeigt sich, dass die Flecken keineswegs stimmen; sie sind sonach zu einer Zeit entstanden, da die ursprüngliche Leinwandrolle bereits zu Binden zerrissen war. Wenn auch die naturwissenschaftliche Untersuchung zu sicheren Feststellungen über die Natur der Flecken nicht geführt hat, so hat sie doch mit Sicherheit dargethan, dass die Flecken auf der unbescgriebenen Siete stärker sind, die Flüssigkeit daher auf diese Seite zuerst eingewirkt haben muss. Bei der Voraussetzung, die mir nach Allem als die wahrscheinlichste erscheint, dass die beschriebenen Binden zu der äusseren Umhüllung der Mumie gehörten, müssen wir sonach annehmen, dass die beschriebene Seite der Binden nach innen zu, also der Mumie zugewendet, lag.

Am 3. Februar habe ich neun beschriebene Bindenfragmente erhalten, welche als Nr. 1-9 bezeichnet waren. Als mir dann die Reihenfolge derselben zu bestimmen gelungen war, zeigte es sich, dass grosse Stücke des ursprünglichen Textes fehlten. Auf eine diesbezügliche Anfrage in Agram erhielt ich zwei weitere beschriebene Bindenfragmente, deren Stellung zu den übrigen sofort klar war und die ich als Nr. 10 und 11 bezeichnete. Damit ist aber auch leider Alles erschöpft, was von beschriebenen Binden dieser Mumie in Agram vorhanden ist.

Die Maasse der Binden in gespanntem Zustande sind:

Binde  
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
Länge Zm  
324
271
156
118
109
104
78
68
67
34
28
Höhe Zm  
6.5-7
über 6
5-6
über 6
6-6.5
5-6
6-7
6.5
5-6
5
5

Die gesammtlänge der beschriebenen Binden beträgt sonach 13.57 M.

Bei dem Umstande, dass unter den Stücken zwei durch ihre bedeutende Länge hervorragen, wird uns die Frage nahegelegt, ob wir nicht in den kürzeren Binden Theile von Binden vor uns haben, welche in alter oder neuer Zeit zerfallen sind, umsomehr als die Leinwand an jenen Stellen, wo sie von der schumtziggrünen Flüssigkeit durchtränkt ist, ungemein rissig ist, und schon der Bericht von Ljubic im 'Vjestnik' nur sieben Binden verzeichnet.

Die genaue äussere und innere Prüfung der Stücke ergab mir, dass die Binden 4, 11, 6, 10 ursprünglich eine einzige Binde ausmachten, und ebenso, dass die Binden 8, 5, 7, 9 Theile einer anderen waren. Die Momente, aus denen sich dies ergibt, sind unten (S. 27 und ff.) angeführt. Die Gesammtlänge der Binde 4 + 11 + 6 + 10 ist in ihrer jetzigen Erhaltung 284 Cm., jene der Binde 8 + 5 + 7 + 9 ist 322 Cm. Binde 3 steht allein da.

Weiter handelte es sich darum, festzustellen, in welcher Folge die auf den einzelnen Binden stehenden Texte anzureihen wären. Die Texte auf den Binden sind in Columnen geschrieben, welche von rothen Linien rechts und links (ob auch oben und unten wissen wir nicht, da die betreffenden Stücke fehlen) eingefasst waren. Ich zähle die Columnen der einzelnen Binden in der Reihenfolge von rechts nach links als a, b, c - l. Der Zwischenraum zwischen den einzelnen Columnen beträgt 1.8 Cm., die Breite der Columnen schwankt in dem jetzigen Zustande ihrer Erhaltung zwischen 24.5 und 25 Cm., war aber ursprünglich dieselbe. Die jetzige Ungleichheit in der Breite der Columnen rührt von dem Umstande her, dass die einzelnen Theile der Binden bei der der Umwicklung der Mumie verschiedenartig gespannt waren und die Leinwand dementsprechend bald mehr, bald weniger nachgegeben hat. Ausserdem hat die ätzende Flüssigkeit, welche über die Binden gekommen, die Leinwand an den betreffenden Stellen etwas zusammengezogen.

Durchschnittlich stehen fünf Zeilen in jeder Columne. Aber man würde sehr irren, wenn man annehmen wollte, dass die einzelnen Columnen einer und derselben Binde in der Richtung von rechts nach links aufeinanderfolgten, wie dies bei den Texten auf ägyptischen Mumienbinden regelmässig der Fall ist. Es zeigte sich bald, dass die einzelnen Binden Theile eines einzigen Streifens sein mussten, welcher zu Binden zerschnitten oder, wie dies bei Leinwandstücken natürlich ist, zerrissen wurde. Im Allgemenen verlaufen die Risse auf dem Zwischenraume zwischen den Zeilen; in mehreren Fällen sind jedoch die Schriftzeilen in Mitleidenschaft gezogen worden. Sehr erleichtert wurde die Untersuchung nach dem näheren Zusammenhange und der Aufeinanderfolge der Binden durch dem Umstand, dass uns in vier Fällen (bei Binde 4, 1, 2, 3) am Gewebe deutlich erkenntlich das Ende des Leinwandstreifens vorliegt. Stellt man die einzelnen Binden untereinander, so bemerkt man, dass die Binden 8 + 5 + 7 + 9 und 3, welche je um eine Schriftcolumne weniger haben als die anderen, unter Binde 1 standen.

Die Lesung des Textes hat diese allgemeinen Annahmen bestätigt und uns in die Lage gesetzt, die Aufeinanderfolge der vier grossen Binden mit völliger Sicherheit festzustellen, vor Allem nachdem es gelungen war, die Hälften von Zeilen, welche auf verschiedenen Binden stehen, zu vereinigen. Diesem für uns glücklichen Umstande, dass Risse nicht streng in den Zwischenräumen der Zeilen verlaufen, verdanken wir es, dass wir, wie die Bemerkungen zu den einzelnen Columnen der Binden zeigen, den Anschluss der obenerwähnten vier zum Theile von uns erst reconstruirten Binden mit mathematischer Sicherheit feststellen können. Dazu kommt noch, dass, wie wir noch sehen werden, einige Stellen des Textes sich wiederholen und wir eben in dem häufigen Vorkommen einer und derselben grösseren Formel eine wichtige innere Controle der Richtigkeit der gegebenen Reihenfolge haben.

So ergab sich, dass Binde 4 + 11 + 6 + 10 die oberste war, dann folgten die Binden 1, 2 und 8 + 5 + 7 + 9. Binde 3 war die unterste. Sie schliesst sich nicht wie die anderen - dies ergibt sich aus den erhaltenen Zeilenresten - unmittelbar ab Binde 8 + 5 + 7 + 9 an; doch lässt sich mit Sicherheit nicht sagen, wie gross das fehlende Stück war. Das Natürliche ist, anzunehmen, dass eine ganze Binde von gleicher Breite wie die erhaltenen, also zu je 5-6 Zilen in der Columne, welche zwischen Binde 8 + 5 + 7 + 9 und Binde 3 lief, verloren gegangen ist. Einen grösseren Zwischenraum möchte ich kaum annehmen, da der inhaltliche Zusammenhang zwischen Binde 3 und Binde 8 + 5 + 7 + 9, wie die Stelle:

IV 18-22s'pureri methlumeric enas'
s'in flere in craps'ti xis'
esvis'c fas'e sin aiser fas'e s'in ais' cemnac
fas'eis' raxth sutanas'
celi suth eisna pevax vinum trau pruxs'
IX 21-22
 

IX g 1

s'pureri methlumeric enas'
s'in vinum flere nethunsl xis'

nacum aisna hinthu vinum trau prucuna


vermuthen lässt, ein näherer war. Immerhin könnte man auch annehmen, dass die unteren Zielenenden von Binde 8 + 5 + 7 + 9 oder die oberen Enden von Binde 3 weggerissen sind.

Vollständig ist, wie die voranstehenden Erwägungen ziegen, kaine einzige Binde. Verhältnismässig am weitesten führt uns Binde 8 + 5 + 7 + 9, welche uns Zeilenenden einer Columne - der zwölften vom Ende des Leinwandstreifens an gezählt - gibt, von der auf den anderen Binden kein Rest vorliegt. Die Binde 1 gibt nur mehr das Ende der elften, Binde 4 + 11 + 6 + 10 nur die Enden der zehnten Columne, Binde 2 führt uns nur zur neunten, Binde 3 nur zur fünften Columne. Aber es fehlen uns nicht nur grössere oder kleinere Stücke des Anfanges der Binden, es fehlt uns der verbindende Streifen zwischen Binde 8 + 5 + 7 + 9 und Binde 3 von unbestimmbarer Breite, es fehlen uns endlich Anfang und Ende der Columnen, da sowohl die oberste als auch die unterste Binde Spuren von Zeilen erkennen lassen, die für uns verloren gegangen sind.

Ursprünglich hegte ich die Hoffnung, dass wie Binde 10 und 11 nachträglich zum Vorschein kamen, ihrerseits die fehlenden Stücke in Agram unter der Masse unbeschriebener Leinwand sich vorfinden würden. Diese Hoffnung ist, wie bemerkt, nicht in Erfüllung gegangen. Da die beschriebenen Binden, wie wir annehmen, die oberste Schichte der Umhüllung der Mumie bildeten, so ist es nicht unmöglich, dass die fehlenden Stücke im Verlaufe der Zeit sich abgetrennt haben und verloren gegangen sind. Es ist aber auch möglich, dass die ägyptischen Einbalsamirer mit den uns vorliegenden Binden ihr Auslangen fanden und den Rest für anderweitigen Bedarf aufhoben.

Die von mir gelesenen Binden ergeben über 200 Zeilen. Auch wenn wir annehmen, dass uns von den oberen und unteren Enden der Columnen nur je eine Zeile verloren gegangen ist, und den Zwischenraum zwischen Binde 3 und Binde 8 + 5 + 7 + 9 auf das Minimum ansetzen, ergeben sich etwa 30 Zeilen für jede Columne. Da wir zwölf Columnen nachweisen können (von denen die letzte nur zur Hälfte ausgefüllt war), ergibt sich ein Minimum von 340 Zeilen, es fehlt uns sonach mindestens mehr als ein Drittel der ursprünglichen Textes.

Der Text gibt in dem jetzigen Zustande seiner Erhaltung Stücke von zwölf Columnen, welche, wie wir nach der Schriftrichtung annehmen müssen, in der Folge von rechts nach links zu lesen sind, und die ich dementsprechend als I-XII zähle. Es ist jedoch sehr fraglich, ob zwölf die ursprüngliche Anzahl der Columnen war, denn die Länge der Binden ist durch einen ganz äusserlichen Grund, durch die Länge der Mumie bedingt. Dieselbe beträgt, wie bemerkt, 1.62 M. Nimmt man auf die Umhüllung der Mumie Rücksicht, so sieht man leicht ein, dass die ägyptischen Einbalsamirer die Länge von einem Fussende der eingewickelten Mumie zum Scheitel und von diesem zu dem anderen Fussende genommen haben. Thatsächlich beträgt die Länge der längsten Binde 324 Cm.

§6. Verhältniss der Binden zu der Mumie, pp. 15-17

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