Krall's publication, 1892, pp. 63-70
V. Materielle Untersuchung der Agramer Mumienbinden.
Von
Julius Wiesner.Content: Farbe der Binden. p.63
Beschaffenheit des Gewebes. p.64
Untersuchung der Spinfaser. p.65
Extractivsubstanzen der Mumiengewebe. p.65
Mikroskopische Untersuchung der Schriftzüge. p.67
Beschaffenheit det Tinte, mit welcher die Agramer Binden beschrieben sind. p.68Die auf die auszuführenden Untersuchungen bezugnehmen, von Herrn Prof. Krall mir vorgelegten Fragen lassen sich folgendermassen formuliren:
- Sind die fraglichen Gewebeproben echte Mumienbinden?
- Wie verhalten sich die Schriftzeichen bei mikroskopischer Untersuchung?
- Mit welcher Art von Tinte sind die auf den Geweben befindlichen Schriftzeichen hergestellt worden?
- Welcher Art sind die auf den Binden auftretenden Flecke, und rühren dieselben nicht von Bestandtheilen der Mumie her?
- Stehen die Schriftzeichen unmittelbar auf dem Gewebe oder liegt zwischen dem Gewebe und den Schriftzeichen jene Substanz, welche die Flecke constituirt, mit anderen Worten: sind die Buchstaben auf das intacte Gewebe oder erst auf die fleckig gewordenen Binden geschrieben worden?
Ich erhielt zur Untersuchung drei Proben. Ich will dieselben mit a, b und c bezeichnen. Jedes der Stücke ist bandartig, a 310 Mm. lang und 44 Mm. breit, b 155 Mm. lang und 48 Mm. breit, endlich c ist ebenso breit ind 80 Mm. lang. Jedes der Stücke ist nur auf einer Seite beschrieben. Das Stück a erscheint, abgesehen von dem linksseitigen, oberen gefleckten Ende, gänzlich intact, die Stücke b und c sind mit grossen schmutzigbraunen Flecken versehen. Das intact erscheinende Gewebe ist weich und geschmeidig, die fleckigen Stellen sind hingegen hart, spröde und zum Zerbrechen sehr geneigt. Das intact erscheinende Gewebe ist durch Wasser leicht zu benetzen, hingegen adhärirt das Wasser an den Flecken entweder gar nicht oder nur wenig und stellenweise, und nur nach anhaltender Einwirkung, besonderes bei erhöhter Temperatur, dringt das Wasser auch in die Fleckigen Partien des Gewebes ein. An der Schriftseite sind die Flecke nicht so stark entwickelt wie auf der entgegengesetzten Seite, so dass es gar keinem Zweifel unterliegen kann, dass die Substanz oder die Stoffmischung, welche die Flecke hervorbrachte, von jener Seite her einwirkte, welche von der Schrift abgekehrt ist. Nach den obigen Ausführungen (S. 12) hat die Annahme, dass die Flecke von Aussen her entstanden und zufälligen Ursprunges sind, die grösste Wahrscheinlichkeit. Uebrigens wurde auch auf jene Substanzen, Welche nach den Angaben der Autoren im alten Aegypten am häufigsten zum Einbalsamiren verwendet wurden, speciell auf Asphalt, Myrrhe, Terpene und Terpen-harze-besonders gefahndet, allein durchaus mit negativem Erfolge. Die Flecke erscheinen auf der Schriftseite in einem etwas anderen Farbtone als auf der entgegengesetzten Seite; auf erster neigt die Farbe ins Schmutziggrüne, auf letzterer ins Rothbraune. Diese beiden Farbentöne werden nach dem Eintauchen ins Wasser deutlicher. Farbe der Binden. Die intact erscheinenden Partien der Binden, also das Fragment a (abgesehen von dem schon angeführten Fleck), hat jene charakteristische Farbe, welche alle Mumienbinden auszeichnet, die ich bis jetzt gesehen habe. Es ist ein eigenthümliches Gelbbraun, welches dem Isabellgelb sehr nahe kommt. Diese Farbe neight bei vielen Binden ins Zimmtbraune oder ins Kastanienbraune.1 Von solchen Nuancen habe ich indess an den Agramer Binden nichts bemerkt. Ich habe versucht, mit Zuhilfenahme der bekannten Redde'schen Tafeln2 den Farbenton der Agramer Binden genau zu fixiren. Allein der in diesen Geweben zum Ausdrucke kommende Farbton ist in sen Scalen der genannten Farbentafeln nicht vorhanden, obschon die letzteren nicht weniger als 900 Töne unterscheiden. 1 Bei einigen Autoren ist auch fleischrothen Binden die Rede. Ich habe nicht Gelegenheit gehabt, derartig gefärbte Binden zu sehen. Meine Untersuchungen beschränken sich auf Gewebe, welche die im Texte angeführten Färbungen besitzen.
2 Radde, Die internationale Farbenscala. Hamburg, Sterochromatische Anstalt, 1877.Immerhin wird sich Jedermann mit Zuhilfenahme der Radde'schen Farbentafeln eine ziemlich richtige Vorstellung von der Farbe der Agramer Mumienbinden machen können, wenn er auf den genannten Tafeln die Gamme 33, Braun, und zwar die Töne q und r ins Auge fasst; zwischen diesen beiden Tönen liegt die Farbennuance der Agramer Binden (a, b, c). Genau denselben oder einen sehr naheliegenden Farbenton weisen zahlreiche andere Mumiengewebe auf. Es neigen aber manche der von mir untersuchten, von anderen Mumien herrührenden Mumienzeuge ins Orange und nähern sich der Gamme 4, Orange, Cardinalton Nr. 4, r-t. Ein mir nachträglich von Herrn Prof. Krall gezeigtes beschreibenes und, wie es scheint, gänzlich intactes, jedenfalls sehr wohlerhaltenes Stück der Agramer Binden ergab folgende Farbe: Gamme Nr. 4, Orange, Cardinalton Nr. 4, t. Die Farbe der Agramer Mumienbinden stimmt also mit der Farbe vieler echten Mumienbinden überein. Beschaffenheit des Gewebes. Auch die äussere Beschaffenheit der Garnfäden und deren Verbindung zum Gewebe ist bei den Agramer Binden von den entsprechenden Charakteren anderer Mumienzeuge im Wesentlichen nicht verscieden. Die Feinheit des Garnes und des Gewebes der Mumienzeuge ist eine sehr verschiedene; doch habe ich derartige Stoffe gesehen, welche auch in den genannten Beziehungen von den Agramer Binden nicht verschieden sind. Das Gewebe der Agramer Binden gehört wie alle von mir gesehenen Mumienzeuge in die Kategorie der glatten oder leinwandartigen Gewebe. Schuss und Kette scheinen in der Stärke (Feinheitsgrad) mit einander übereinzustimmen. Eine genaue Bestimmung des Feinheitsgrades der zur Webung der Agramer Binden benützten Garne ist selbstverständlich unausführbar; es konnten nur die Durchmesser der sich kreuzenden Fäden mit einander verglichen werden. Aber auch dieser Vergleich stösst auf Schwierigkeiten, denn der zur Längsrichtung der streifenförmigen Stücke parallel gelegene Faden (ich betrachte denselben als den Schussfaden) ist durch die Spannung des darauf senkrecht verlaufenden Fadens (ich betrachte denselben als Kette, was sich natürlich an den abgeschittenen Leinwandstücken nicht mehr mit Sicherheit ermitteln liess) vielfach zusammengedrückt, also in seinen ursprünglichen Dimensionen mehr oder minder stark reducirt. Aber an jenen Stellen, wo keine Zusammendrückung des Schussfadens bemerkbar war, stimmte der Durchmesser desselben mit jenem des Kettenfadens überein. Der durchschnittliche Durchmesser der Garnfäden beträgt nach mikrometrischer Messung 0.41 Mm. Der Schussfaden ist stark wellenförmig hin- und hergekrümmt, hingegen verläuft der Kettenfaden nahezu gerade. Daraus folgt, dass der Kettenfaden beim Weben stark gespannt wurde. In Folge dieser Spannung und des Umstandes, dass das Gewebe während des Webens stark 'geschlagen' worden sein musste, erscheint dasselbe sehr dicht. Die freien Flächen haben in Folge der Webeprocedur ihren quadratischen Contour verloren und wurden sechsseitig. Die langen Seiten der Sechsecke liegen nahezu parallel zur Länge der Stücke, und etwa senkrecht hierauf verlaufen in Form eines Zickzacks die kurzen, gebrochenen Grenzlinien der Sechsecke (s. die unten dem Texte eingefügte Holzschittfigur). Ich werde später zeigen, dass die Striche der auf den Agramer Binden befindlichen Schriftzeichen fast ausschliesslich in diesem Zickzacklinien laufen. Die Webung der Agramer Binden ist eine so dichte, dass die zwischen den Garnfäden befindlichen Lücken nur im durchfallenden Lichte als kleine helle Pünktchen sichtbar werden. Bei genauer mikroskopischer Untersuchung sieht man, dass diese Lücken als kleine Querspalten dort sichtbar werden, wo drei Kanten der Sechsecke zusammenstossen. Aber nicht an allen Stellen, wo drei Kanten zusammenstossen, erscheinen die Lücken. An vielen Stellen liegen die sich kreuzenden Garnfäden ohne sichlichen Zwischenraum neben einander. Ich werde später zu erwähnen haben, dass dort, wo die Schriftzüge verlaufen, häufig die getrocknete Tinte die genannten Lücken erfüllt. Auf die Länge eines Centimeters kommen im Durchschnitte nach der queren Richtung der Stücke (a, b, c) 13 und auf der darauf senkrechten Richtung 22 Garnfäden zu liegen. Garnstärke und Gewebefeinheit der Agramer Binden liegen innerhalb jener Grenzen, welche ich an dem Vergleichsmateriale bobachtete. Auch die Art der Webung ist eine solche, wie sie an dichteren Mumienzeugen vorkommt. Untersuchung der Spinfaser. Für dieBeurtheilung der Echtheit des Agramer Mumiengewebes ist die genaue Ermittlung des Materiales, aus denen die das Gewebe zusammensetzenden Garnfäden gesponnen sind, von Wichtigkeit. Bekanntlich wurde die alte Streitfrage, ob die Mumiengewebe aus Baumwolle oder aus Leinenfaser erzeugt wurden, in neuerer Zeit dahin beantwortet, dass sowohl die groben als die feinen Zeuge (Byssus) aus Leinenfasern bestehen.1 Es geschah dies auf Grund von morphologischen Charakteren, welche es ermöglichen, die Baumwolle auszuschliessen, die aber doch nicht so sichere sind, als dass man mit Zuhilfenahme derselben mit aller Bestimmtheit beweisen könnte, dass das zu diesen Textilobjecten verwendete Spinnmateriale nichts Anderes als Leinenfaser (Bastfaser von Linum usitatissimum) gewesen sei. Ich habe gelegentlich meiner Untersuchungen über die ältesten Papiere2 die Kriterien angegeben, durch welche man mit absoluter Sicherheit die Leinfaser von allen anderen Gespinnstfasern, namentlich von ähnlich gebauten (z. B. von der Hanffaser), zu unterscheiden im Stande ist. Unter Anwendung der damals gewonnenen Behelfe ist es mir gelungen, bei allen von mir untersuchten echten Mumiengeweben die alleinige Gegenwart von Leinenfaser als Spinnmateriale zu constatiren. Auch die Agramer Binden sind ausschliesslich aus Leinenfaser gesponnen. Es stimmen mithin die Agramer Binden auch in Betreff der Qualität der Textilfaser mit unzweifelhaften Mumiengeweben überein. 1 Nur wenige Autoren halten an der Angabe fest, dass im alten Aegypten auch Baumwolle zur Herstellung von Geweben benützt wurde. S. hierüber Wönig, Die Pflanzen im alten Aegypten, Leipzig 1886, p. 347.
2 Wiesner, Die mikroskopische Untersuchung des Papieres mit besonderer Berücksichtigung der ältesten Papiere. Wien 1887. (Mittheilungen aus der Sammlung Papyrus Erzherzog Rainer, Bd. II und III.)Extractivsubstanzen der Mumiengewebe. Der Nachweis von Extractivstoffen in den Mumienzeugen hat sich für die Zwecke meines Vergleiches als sehr erfolgreich bewährt, und zwar nicht nur was die Menge, sondern auch was die Qualität dieser Körper anbelangt. Es lässt sich echten Mumienzeugen eine überraschend grosse Menge von Stoffen durch heisses Wasser entziehen. Ich habe aus echten Mumiengeweben circa 11-14 Percent Extractivstoffe durch kochendes Wasser gewonnen. Das Stück a, welches ein Trockengewicht von 5.092 Gramm besass, gab, mit kochendem Wasser bis zur Erschöpfung behandelt, 12.9 Percent Trockensubstanz. Dieselbe enthielt etwa 14 Percent löslicher Mineralsubstanzen. Auch aus den übrigen Mumienbinden liess sich eine so grosse Menge von mineralischen Substanzen direct durch Wasser ausziehen. Das wässerige Extract der echten Mumienzeuge ist klar, gelbbraun, reagirt deutlich sauer und fluorescirt mit grünlichem Lichte. Genau so Verhält sich das wässerige Extract der Agramer Binden. Auch nach Extraction mittelst Alkohol erhielt ich sowohl bei Benützung der echten Mumienzeuge als der Agramer Binden ein gelbrothes, grünlich fluorescirendes Extract. Am schönsten erhält man fluorescirende Lösungen aus den Extractivstoffen der Mumienbinden (und speciell auch aus denen der Agramer Gewebe), wenn man das wässerige Extract der Zeuge mit Alkohol behandelt, wobei ein reichlicher Niederschlag von graubräunlicher Farbe entsteht, während eine alkoholische Lösung von rothbräunlicher Farbe zurückbleibt, welche - klar vom Präcipitat abfiltrirt und bis zur Annahme einer braunröthlichen Färbung eingedunstet - sehr lebhaft grün fluorescirt. Ein mittelst Sonnenlicht durch eine Linse in der Flüssigkeit erzeugter Lichtkegel zeigt eine prachtvolle smaragdgrüne Färbung. Behandelt man die mit heissem Wasser erschöpften, stets noch lebhaft gefärbten echten Mumiengewebe mit einer heissen, gesättigten Lösung von kohlensaurem Natron, so erhält man ein braunes Extract und schliesslich bleiben die Zeuge in blendend weisser Farbe zurück. Genau so verhalten sich auch die Agramer Binden. Das wässerige Extract aller von mir untersuchten echten Mumienzeuge wird bei der Concentration zu einer rothbraunen (mahagonirothen), stark klebenden Flüssigkeit. Auf dem Wasserbade zur Trockne eingedampft, erhält man einen schwarzen glänzenden Rückstand von eigenthümlichen 'extractartigen' Geruche, welcher nach dem Urtheile einiger Personen an eingetrockneten Lakrizensaft (Succus Liquiritiae der Apotheken, Bärenzucker), nach der Meinung Anderer an Malzextract erinnert. Der Rückstand schmeckt stark salzig-laugenhaft und dabei auch etwas bitter. Mit Wasser befeuchtet erscheint diese schwarze Substanz an der Oberfläche schmutziggrün. Beim Erhitzen schäumt die Masse unter Ausstossung von Dämpfen, welche den Geruch von in der Hitze sich zersetzendem Zucker besitzen, und verbrennt zu einer nur schwer veraschenden porösen Kohle. Genau dasselbe Verhalten bietet das wässerige Extract der Agramer Binden dar. Behandelt man das im Wasserbade zur Trockne eingedampfte wässerige Extract mit Wasser, so bleibt ein beiläufiger Rückstand (schmutzig-braunschwarze Masse) von 3 Percent zurück, der in Wasser unlöslich oder schwer löslich geworden ist und sich in einer Lösung von warmen kohlensauren Natron zu einer honiggelben Flüssigkeit löst. Aus der löslich gebliebenen Substanz lassen sich mittelst Alkohol circa 7 Percent ausfällen. Es sind etwa 90 Percent des wässerigen Auszuges auch in Alkohol löslich. Diese Percentangaben beziehen sich auf die Agramer Binden. Aber auch die wässerigen Extracte der übrigen Mumienzeuge verhielten sich ähnlich und gaben angenähert dieselben Percentzahlen. Wie gross die Menge der durch kohlensaures Natron ausziehbaren Extractivstoffe ist, konnte ich bei den Agramer Binden nicht ermitteln, um dieselben nicht zu sehr zu verändern; sie wären, wie nebenher mit kleinen Quantitäten angestellte Versuche lehren, schneeweiss geworden. Aber mit anderen Mumienzeugen stellte ich Versuche an, welche ergaben, dass bis 20 Percent Trockensubstanz (nach Erschöpfung mit Wasser) durch kohlensaures Natron entzogen werden können. Eine genaue Ermittlung der chemischen Individuen, welche die Mumienzeuge imprägniren, stösst auf grosse Schwierigkeiten, da es sich dabei um Extractivstoffe und caramelartige Körper handelt, also um Stoffe, welche einer genauen chemischen Specificirung nicht zugänglich gemacht werden konnten. Zunächst kommt man wohl auf den Gedanken, dass die Färbung der Mumienbinden von Mumienkörpern herrühre. Es lässt sich aber zeigen, dass die Hauptmasse der extrahirten Substanzen gewiss nicht solchen Ursprungs ist. Es wurde mehrfach behauptet,1 dass die eigenthümlichen Färbungen der Mumienzeuge von Krapp oder von dem gelben Farbstoffe des Saflors (Carthamus tinctorius), oder endlich von Henna (Laubsprosse von Lawsonia inermis) herrühren sollen. Die Krappfarbstoffe könten nur in rothen Binden auftreten; solche lagen mir nicht vor. Was aber die von mir untersuchten Mumienbinden anlagt, so lässt sich in denselben weder der gelbe Saflorfarbstoff, noch der Farbstoff der Henna nachweisen. Beide Farbstoffe sind in Wasser leicht löslich. Wenn man nun die Lösungen derselben und etwa gleich stark tingirter Mumienzeug-Extracte mit Bleiacetat und Ammoniak behandelt, so erhält man bei Benützung der Saflorlösung einen intensiv citrongelben, ins Orange geneigten, bei Anwendung des Hennafarbstoffes einen orangen, ins Braune geneigten Niederschlag, während unser Extract eine weissliche, nur sehr schwach ins Bräunliche ziehende Fällung gibt, wie eine solche unter Einwirkung derselben Reagentien in Pflanzenextracten (Malzextract, Melasse etc.) häufig entsteht. Wie diese Extracte verhalten sich auch insoferne die Mumienbindenauszüge, als sie alle nach Behandlung mit Bleiacetat gelb und braun gefärbte Körper ungebunden ins Filtrat treten lassen. 1 Wönig, Die Pflanzen im alten Aegypten, Leipzig 1886, p. 352.Es wurde mehrfach angegeben, dass die Mumienbinden mit Gummi oder mit terpentinartigen Harzen (Cedernharz), oder endlich mit Gerbstoffen in den entsprechenden Auflösungen bestrichen, beziehungsweise durchtränkt wurden. Aber sowohl die Orcinprobe auf Gummi (arabisches und andere Arten), als die Raspail'sche Reaction (auf Harze) gaben ein negatives Resultat. Auch durch Eisenchlorid liess sich kein Gerbstoff nachweisen. Zucker ist in den wässerigen Auszügen der Mumienzeuge nicht zu finden, hingegen Zerfallsproducte desselben nachweisbar (hauptsächlich wohl caramelartige Körper), wie der positive Ausfall der a-Naphtol-probe lehrt. Verascht man die wässerigen Zeugextracte in der Platinschale, so erhält man nach dem Auflösen der mineralischen Rückstände reichlich würfelartige Krystallisationen, welche, wie die chemische Prüfung lehrt, von Kochsalz herrühren. Neben dem Kochsalz werden unter den Aschenbestandtheilen noch gefunden: kohlensaures und schwefelsaures Natron, Gyps und - merkwürdiger Weise - ein allerdings nur unerhebliches Quantum von Kieselsäure, und zwar sowohl in den Agramer, als in anderen Mumienzeugen. So unvollständig das Resultat der chemischen Untersuchung der aus den Mumienzeugen extrahirten Substanzen auch ausfiel, so haben die Ergebnisse der diesbezüglichen Prüfungen doch einen nicht geringen diagnostischen Werth und erlauben, die Agramer Binden mit echten Mumienzeugen zu identificiren. Mikroskopische Untersuchung der Schriftzüge. Wie schon erwähnt, stehen die Schriftzüge der Agramer Binden nur auf einer Seite des Gewebes. Die Höhe der Buchstaben ist im Ganzen ziemlich constant und beträgt im Mittel 6.1 Mm. Die Verticalstriche der Schriftzeichen folgen stets genau der geraden Richtung des Fadens (Kette), stehen also etwa senkrecht auf den Langseiten der oben genannten Sechsecke und genau senkrecht auf den Längsgrenzen der bandförmig gestalteten Stücke (a, b, c). (Vgl. die beistehende Ansicht und Tafel X.)
Längenansicht eines kleinen Fragmentes der Agramer Mumienbinden bei fünffacher Vergrösserung, schematisch dargestellt. Die Verticalstriche des Buchstaben (m) sind durch zwei Zickzacklinien gebildet, welche genau den Furchen entsprechen, die durch die sich durchflechtenden Garnfäden des Gewebes enstanden sind.Jeder Verticalstrich der Buchstaben stzt sich, wie schon die Loupe lehrt, in der Regel aus zwei unter einander parallelen Zickzacklinien zusammen, welche den schon oben beschriebenen kurzen Kanten der Sechsecke folgen. Es hat sohin jeder Verticalstrich der Schriftzeichen die Breite eines Sechseckes. Es ist nicht anzunehmen, dass die Striche der Buchstaben so gemacht wurden, wie sie uns derzeit erscheinen. Es ist diese Annahme schon deshalb im höchsten Grade unwahrscheinlich, weil die Herstellung dieser feinen Zickzacklinien eine ungemein peinliche, ohne Vergrösserungsglas kaum zu bewältigende Arbeit gewesen wäre. Vielmehr erscheint mir die Annahme unabweislich, dass das, was man jetzt noch von den Buchstaben sieht, nur ein Rest der Schriftzüge ist, die man ursprünglich auf die Leinwand gemacht hat. Denkt man sich die Buchstabenstriche über einen (verticalen) Fadenzug mit Farbflüssigkeit ausgefüllt, so liegt nach der Eintrocknung der letzteren über der freien Fläche der so beschriebenen Garnfäden nicht eine so dichte Farbstoffschichte als in den zwischen den Fäden gelegenen Furchen, und bei mechanischem Angriffe der Schriftzüge werden dieselben wohl dort am längsten erhalten bleiben, wo die grösste Farbmasse liegt, also in den zickzackförmigen Furchen. Namentlich wird eine gegenseitige Reibung der Binden, parallel zu ihrer Oberfläche, das Abscheeren der Farbtheilchen an den hochgelegenen Theilen der Garnfäden am meisten begünstigen. Temperaturs- und Feuchtigkeitsunterschiede, welche das Volum der Garnfäden ändern, werden wohl zu einer wechselnden Spannung und in Folge dessen, wenigstens zeitweilig, zu einer gegenseitigen stärkeren Reibung der über einander liegenden Gewebe geführt und im Laufe von zwei Jahrtausenden jenen merkwürdigen Effect hervorgebracht haben, der uns in den Scgriftzügen der Agramer Mumienbinden in einer auf den ersten Blick so befremdlichen Weise entgegentritt. Für die Richtigkeit meiner Auffassung soricht auch folgender Umstand: Bei aufmerksamer Untersuchung mit der Loupe kann es nicht entgegen, dass auch hin und wieder die zwischen den Fadenzügen gelegenen Querfurchen, welche ihre Lage nach den Langseiten der oben genannten Sechsecke entsprechen, mit Farbmasse erfüllt sind. Mit der Loupe und noch besser mittelst des Mikroskopes erkennt man Farbtheilchen hin und wieder in mehr oder minder reichlicher Menge auch auf der Oberfläche der Sechsecke. An solchen Stellen waren entweder die Striche sehr dick aufgetragen oder die vorausgesetzte Abscheerung der Schrift durch Reibung war nicht ausreichend genug, um die Farbe aus den seichten Querfurchen oder von den erhöhten Stellen des Gewebes zu entfernen. Die Breite eines Verticalstriches entsprach wahrscheinlich der Breite eines verticalen Fadenzuges, von welchen, wie oben gezeigt wurde, 13 die Länge eines Centimeters einnehmen. Ein verticaler Buchstabenstrich hätte also die Breite von 1.3 Mm. gehabt. Dies ist aber nur unter der Voraussetzung richtig, dass die beiden Zickzacklinien, welche derzeit einen verticalen Buchstabenstrich begrenzen, die ursprüngliche Begrenzung eines solchen Striches bildeten. Die Buchstaben könnten aber auch breiter gewesen sein. Es ist aber leicht einzusehen, dass ein Verticalzug die Breite von zwei oder gar von drei Fäden nicht erreicht haben konnte, weil im ersteren Falle ein solcher Zug aus drei, beziehungsweise vier Zickzacklinien zusammengesetzt sein müsste. Da die mikroskopische Untersuchung zeigt, dass Farbtheilchen hin und wieder wohl innerhalb, niemals aber ausserhalb der beiden Zickzacklinien zu finden sind, so wird die oben ausgesprochene Vermuthung, dass die beiden Zickzacklinien jedes verticalen Buchstabenzuges dessen ursprüngliche Grenzen bezeichnen, wohl zur Gewissheit. Indess lehrt auch ein Blick auf die beistehende Figur, dass jedes erhebliche Hinausgehen der Breite eines Schriftzuges über die derzeit wahrnehmbaren Grenzen die Buchstaben nur undeutlicher gemacht haben würde. Beschaffenheit der Tinte, mit welcher die Agramer Binden beschreiben sind. Ich bezeichne die schwarze Farbstoffmasse, mit welcher die auf den Binden befindlichen Schriftzeichen hervorgebracht wurden, hier kurzweg als Tinte. Nachdem ich mich durch sorgfältige mikrochemische Reactionen davon überzeugte, dass die fragliche Tinte mit den modernenTinten nicht identisch ist, scränkte ich meine diesbezüglichen Untersuchungen auf den eventuallen Nachweis jener Tinten ein, mit welchen die auf alten Papyrus und auf den ältesten Papieren befindlichen Schriftzeichen gemacht sind. Es sind dies: aus fein vertheilter Kohle hergestellte Tinte (Russtinte), Galläpfeltinte (überhaupt eine im Wesentlichen aus gerbsaurem Eisenoxyd bestehende Tinte), endlich Sepia. Die beiden ersteren constatirte ich auf den alten Faijûmer und Uschmuneiner Papieren,1 die letzteren auf vorchristlichen Papyrus. Da die fragliche Tinte durch Kalilauge nicht gelöst wurde, so konnte sie nicht aus dem Farbstoffe der Sepia bestehen. Da sich ferner die Schriftzeichen nach Vorbehandlung mit (eisenfreier) Salzsäure durch Ferrocyankalium (gelbes Blutlaugensalz) nicht bläuten und nach Vorbehandlung mit (eisenfreier) Saltpetersäure durch Rhodankalium (Schwefelcyankalium) nicht rötheten, so ist auch Galläpfeltinte auszuschliessen.2 Hingegen liess das durchaus negative Verhalten der fraglichen Tinte gegen alle angewendeten Lösungs- und in Form von Flüssigkeiten zugeführten Oxydatiosmittel, verbunden mit der Verbrennlichkeit der schwarzen Substanz, auf Kohle schliessen; die Untersuchung führte also zu dem Ergebnisse, dass die auf den Agramer Binden befindlichen Schriftzeichen mit Russtinte ausgeführt wurden. In Bezug auf die angewendete Methode will ich in Kürze nur Folgendes bemerken: Ein aus dem Gewebe herausgeschnittener Strich wurde auf einem Platinblech successive der Einwirkung von Salzsäure und Salpetersäure ausgesetzt. Nachdem diese Reagentien keine Veränderungen hervorriefen, liess ich Chromsäure einwirken. Hierbei wurden die Gewebefasern, auf welchen der Strich stand, vollständig aufgelöst, und derselbe lag nunmehr auf dem Platinbleche. Nach Beseitigung der Flüssigkeiten wurde das Platinblech zum Glühen erhitzt, wobei der Strich verschwand.3 Das erhaltene Resultat spricht umsomehr für die Echtheit der Schrift, als die von mir zum Vergleiche herangezogenen, auf alten, unzweifelhaft echten Mumienbinden bifindlichen Schriftzeichen (Hieroglyphen, hieratische Schrift) bezüglich der Farbstoffmasse genau das gleiche Resultat ergaben. 1 Wiesner, l. c., Sep.-Abdr. p. 61.
2 Eine schwache Färbung durch die beiden oben genannten Reagentien stellte sich nach der angegebenen Vorbehandlung wohl ein: allein es konnte leicht nachgewiesen werden, dass diese Reactionen mit der Tinte nichts zu schaffen haben, sondern von kleinen Quantitäten von Eisenverbindungen herrühren, welche im Gewebe auftreten und die in vegetabilischen Stffen etwas Gewöhnliches sind. Es zeigte sich nämlich, dass auch die unbeschreibenen Stellen des Gewebes die angeführten Farbenreactionen gaben. Statt Blau trat nach Einwirkung von Ferrocyankalium Grün auf. Der grüne Ton ist auf eine Mischung von Blau (Ferrocyaneisen) und dem Gelb des Gewebes zurückzuführen.
3 Näheres über den Nachweis der Galläpfel- und Russtinte s. Wiesner, l. c., p. 62.Was die oben angeführten Flecke anlangt, so liess sich deren substantielle Beschaffenheit schon wegen der ungenügenden Substanzmenge, welche mir zur Untersuchung vorlag, nicht ermitteln. Aber auch die Scheidung der Stoffe, welche die Flecke hervorbrachten, von jenen, welche das Gewebe imprägniren (die oben genannten Extractivsubstanzen), stiess auf Hindernisse, welche ich nicht zu überwinden vermochte. Ich muss mich begnügen, anzuführen, dass sich die Substanz der Flecke partiell in Wasser, Alkohol, Aether und Benzol löst. Erschöpft man das mit Flecken versehene Gewebe durch diese Flüssigkeiten, sowohl in der Kälte als in der Wärme, so verlieren die gefleckten Gewebestellen nach und nach ihre Steifheit und Härte, und es verschwinden die Flecke schliesslich vollständig. Dies ist wohl mit Bezug auf die Frage, durch welche Substanzen die Flecke hervorgebracht wurden, ein sehr dürftiges, strenge genommen kein Resultat; und doch reichen die gewonnenen Ergebnisse über die Löslichkeitsverhältnisse jener Stoffe, welche die Flecke constituiren, aus, um die oben präcisirte Alternative, ob die Schriftzeichen auf die intacten oder auf die bereits fleckig gewordenen Binden geschrieben wurden, zu entscheiden. Die Resultate einer früheren, auf einen ganz anderen Gegenstand Bezug nehmenden, von mir ausgeführten Untersuchung setzen mich in der Stand, diese Aufgabe in einer sehr einfachen und sicheren Weise zu lösen. Es handelte sich damals um die Lösung einer forensischen Frage, um die nämlich, ob der Poststempel eines als spoliirt verdächtigen Briefes auf die zur Gummirung des Couverts verwendete Klebmasse gedruckt war oder ob die Klebmasse über der Schwärze des Stempelabdruckes lag. Trotz vieler von anderer Seite unternommener Versuche wollte die Lösung dieser Frage nicht gelingen. Auch meine anfänglichen directen mikroskopischen Untersuchungen bleiben ohne Erfolg. Endlich fand ich ein einfaches Entscheidungsmittel. Wenn nämlich die Klebmasse in einer Flüssigkeit löslich ist, welche die Druckerschwärze nicht angreift, und dieses Lösungsmittel die Druckerschwärze entfernt, so lag letztere über der Klebmasse; ist aber die Druckerschwärze durch das Lösungsmittel der Klebmasse nicht zu entfernen, so lag diese über der Schrift. Das damals angewendete Klebmittel war ein in Wasser leicht lösliches Gummi (arabisches Gummi); da die Druckerschwärze über der Klebmasse lag, so konnte man schon vermittelst eines in Wasser getauchten Pinsels die direct am Papiere bekanntlich stark haftende Druckerschwärze entfernen. Mutatis mutandis konnte die damalige Untersuchungsmethode auch zur Lösung unserer Frage herangezogen werden. Da die zur Herstellung der Schriftzeichen verwendete Tinte durch Wasser, Alkohol, Aether und Benzol nicht angegriffen wird, weder in der Kälte noch in der Wärme, dieselbe sich also den Lösungsmitteln der Fleckmasse gegenüber gänzlich indifferent verhielt, da ferner die auf den Agramer Binden befindlichen Schriftzeichen durch Behandlung mit den genannten Körpern nicht nur nicht verschwanden, sondern in dem Masse klarer hervortraten, als die Flecke undeutlicher wurden, so kann mit Bestimmtheit gesagt werden, dass die Buchstaben direct auf das Gewebe geschrieben wurden, die Flecke also jüngeren Datums sind als die Schriftzüge. Die Hauptergebnisse meiner Untersuchungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Die Agramer Binden stimmen in allen wesentlichen Eigenschaften soweit mit unzweifelhaften Mumienbinden überein, dass ihre Echtheit ausser Zweifel steht.
Die wichtigsten zu diesem Resultate leitenden Argumente liegen in der Uebereinstimmung der Textilfasern und der diese begleitenden charakteristischen Substanzen.- Die Tinte, mit welcher die Agramer Binden beschrieben wurden, ist mit den ältesten bekannten Tinten im Wesentlichen identisch und stimmt speciell mit jener schwarzen Farbstoffmasse (Russtinte) überein, welche in Form von Schriftzeichen auf alten unzweifelhaften Mumienbinden vorkommt.
- Jeder auf den Agramer Binden vorfihdliche Schriftzug besteht aus zwei unter einander parallelen Zickzacklinien, welche den Längengrenzen eines Fadenzuges des Gewebes entsprechen. Diese beiden Zickzacklinien scheinen nicht ursprünglich auf die Leinwand gezeichnet worden zu sein, sondern repräsentiren wohl nur die ursprünglichen Grenzen der Schriftzüge, welche in den zwischen den Garnfäden befindlichen Vertiefungen sich am längsten erhalten haben mochten.
- Die auf den Agramer Binden stehenden Buchstaben wurden direct auf das Gewebe geschrieben. Diese Schriftzeichen sind mithin älter als die auf den Binden befindlichen Flecke.
- Die Flecke entstanden auf der von der Schrift abgekehrten Seite und rühren aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von Stoffen her, welche dem mumificirten Leichname angehörten, sondern verdanken wohl nur späteren Zufälligkeiten ihr Entstehen.
Wenn auch durch die vorliegende Untersuchung die gestellten Fragen, bis auf die mir nicht wichtig erscheinende über die chemische Beschaffenheit der Flecke, in befriedigender Weise gelöst werden konnten, so betrachte ich doch meine auf Mumiengewebe Bezug nehmenden Arbeiten noch nicht als abgeschlossen. In den Besitz grösserer Quantitäten von solchen Geweben gelangend, hoffe ich über die diese Zeuge imprägnirenden Substanzen Bestimmteres aussagen zu können. Die Kenntniss dieser Substanzen dürfte vielleicht geeignet sein, über die noch lange nicht genügend aufgeklärten Methoden der Mumienbehandlung einiges Licht zu verbreiten. Jedenfalls sind die bisherigen Angaben über die Stoffe, mit welchen die Mumienbinden getränkt oder überzogen sein sollen, einer weiteren Prüfung bedürftig, denn dieselben vermochten den von mir unternommenen Untersuchungen nicht Stand zu halten. Berichtigungen.
Seite 2, Zeile 18. Statt: Zeile 1 e 5, zu lesen: Zeile 1 e 3.
" 24, " 6 und 11. Statt: es'lem, zu lesen: eslem.
" 39, " 33. Statt: spurtra, zu lesen: spurta.
(End of text.)
Go to Chapters: [ I. §1. ] | [ §2. ] | [ §3. ] | [ §4. ] | [ §5. ] | [ §6. ] | [ §7. ] | [ §8. ] | [ §9. ] | [ §10. ] |
[ II. ] | [ Columns I.-XII. ] | [ notes ] |
[ III. ] | [ IV. ] | [ V. ] |
Tables: [ I. ] | [ II. ] | [ III. ] | [ IV. ] | [ V. ] | [ VI. ] | [ VII. ] | [ VIII. ] | [ IX. ] | [ X. ]