Krall's publication, 1892, pp. 6-10



I. Der Fund.


§3. Auffindung der Binden.

Das grosse Verdienst, auf die Binden aufmerksam geworden zu sein und dieselben einer ersten wissenschaftlichen Prüfung unterzogen zu haben, gebührt Heinrich Brugsch, der im Jahre 1869 auf Ersuchen des Directors Ljubic die Beschreibung der ägyptischen Sammlung vorgenommen hat. Schon vor ihm waren, wie vielfache Nachforschungen nachträglich erwiesen haben, von verschiedenen Seiten die beschriebenen Binden bemerkt worden. Es war gewiss nicht auffallend, auf einer ägyptischen Mumie beschriebene Binden zu finden; von dem Momente jedoch, wo ein so fachkundiger Kenner des ägyptischen Alterthums erklärte, dass die Schrift dieser Binden mit keiner der auf ägyptischen Mumienbinden üblichen Schriften identisch sei, war das 'Problem der Agramer Mumienbinden' gegeben.

Ueber seine Beobachtungen an Ort und Stelle hat mir H. Brugsch Folgendes gütigst mitgetheilt: 'Die in Rede stehende Mumie des Museums zu Agram kam mir unter die Hände, als ich im Jahre 1867 oder 1868 auf Wunsch des damaligen Museumvorstandes die kleine Sammlung katalogisirte. Es war eine echte und rechte Mumie, ..... an deren ägyptischem Ursprung ich damals auch nich den geringsten Zweifel hegte. Die beschriebenen Binden mit jenen selsamen Zeichen, die Sie heute als etruskisch erkannt haben, erschienen mir so werthvoll, dass ich sie an Ort und Stelle studirte, mich dabei von ihrem alphabetischen Charakter überzeugte, das Alphabet zusammenstellte und die Lösung ihrer Räthsel einer späteren Zeit anheimgab... Von einer Fälschung kann unter allen Ahnungen bestätigt habe, in den Inschriften etwas ganz Besonderes erkennen zu müssen.' (Brief aus Cairo vom 27. April 1891.)

'Ich hätte die beschriebenen Binden nicht entdeckt, wenn nicht zufällig ..... ein Stück der Binden, sagen wir ein Zipfel, offen gelegen und umgeklappt gewesen wäre. Meine Ueberraschung war bei dem Anblicke der mir unbekannten Schrift natürlich ausserordentlich gross, und da ich vielleicht auf eine echt ägyptische Inschrift, als grössere oder kleinere Bilinguis, zu stossen hoffte, so wickelte ich auf, was aufzuwickeln war - die Sache war nicht schwer - und legte den räthselhaften Text zu Tage. Er ward mir Veranlassung, die alphabetischen, mir unbekannten Zeichen sofort an Ort und Stelle auszuziehen. Dass die Binden einen Theil der Mumienbandagen bildeten, kann ich als Augenzeuge aus der damaligen Zeit nur durchaus bestätigen.' (Brief aus Berlin vom 15. December 1891.)

'Auf den Wunsch des damaligen Museumvorstandes und in dessen Gegenwart löste ich behutsam nur die oberen Zeugschichten und war auf's Höchste überrascht, die Innenseiten derselben mit einer mir unbekannten, jedenfalls aber alphabetischen Schrift bedeckt zu finden. Da mir keine Zeit zum Copiren übrig blieb, so begnügte ich mich mit einem Auszuge der Schriftcharaktere, die ich Ihnen aus meinem damaligen Taschenbuche transscribire.

Brugsch alphabet

Das war im Winter 1868/69. Später bin ich nich mehr nach Agram gekommen, hatte aber niemals das Interesse an den merkwürdigen Texten verloren, ohne im Stande gewesen zu sein, die Schrift selbst auch nur annähernd richtig zu bestimmen. Ich dachte sogar an äthiopische Buchstaben.' (Karte aus Berlin vom 26. August 1891.)

In dem von Brugsch gegebenen Auszuge der Schriftcharaktere erkennt man unschwer die Geltung der einzelnen Zeichen: e, i, r, a, t, s' (und m), f (etwas verzeichnet), x, z, c, p (?), . (Trennungspunkt), x (? oder aus .r verlesen), s (etwas verzeichnet), th, v, u, h (etwas verzeichnet), x (?), z (?), n, l. Wenn wir berücksichtigen, dass die Zeichen für s' und m oft nur bei grosser Uebung und schärfstem Zusehen auf unseren Binden auseinanderzuhalten sind und in dem jetzigen Zustande der Erhaltung die Zeichen für z, s, x verschiedene Formen annehmen, die Zeichen für h und f selten geschlossen erscheinen, so muss man sagen, dass Brugsch dem Bestande des struskischen Alphabets schon sehr nahe gekommen war. So viel ist sicher, dass die beschriebenen Binden im Winter 1868/69 bei ihrer Prüfung durch Brugsch in demselben Zustande vorlagen wie heutzutage.

Auf Grung der Bestimmungen von Brugsch hat Director Ljubic den Katalog der ägyptischen Sammlung im 'Viestnik narodnoga zemaljskoga muzeja u Zagrebu' vom Jahre 1870 veröffentlicht und in demselben auf S. 48 und 49 zum ersten Male über die merkwürdigen Binden also berichtet:

1. Mumija gola zenska, stojeca uz jednu zeleznu šibku, na drvenom ugladjenom podnozju u visokoj cetverouglastoj škrinji sa staklom sve naokolo. Kosa joj crljenkasta, a vidi se još malo pozlate na celu i na ramenih. Dobro je sacuvana. Visoka je mumija 1,62. - Poklon g. Ilije Barica, onda podarcidjakona biskupije djakovacke u Golubincu. Donio ju iz Misira Mihajlo Baric, onda perovodja kr. pridvorne kancelarije ugarske, a po njegovoj smrti ostavio bratu, pomenutomo Iliji.1

1 Nackte Frauenmumie, an einem eisernem Stabe stehend, auf einem hölzernen polirten Postamente, in einem hohen, vierseitigen Glaskasten. Sie hat rothe Haare, an Stirne und Schultern sieht man etwas Vergoldung. Sie ist gut erhalten. Die Mumie ist 1.62 m hoch. Geschenk des Elias Baric, gewesenen Archidiakon der Djakovarer Diöcese in Golubinac. Es brachte sie aus Mizir Michael Baric, gewesener Concipist der k. ungarischen Hofkanzlei, und hinteriess sie nach seinem Tode seinem Bruder, dem obgenannten Elias.

2. Škrinja na izvisitom podnozju, sa staklenim vratima. U njoj stoje drob i povoji od gori spomenute mumije. Na povojih se prikazuje pismo, komu se još u trag došlo nije. Slavni prof. Brugsch, sada cuvar svih egjipatskih muzeja i starina u Kairu, koj je te povoje dugo proucio i prepisao, kani o njih izdati osobito djelo. Ovo je takova riedkost, da u ovoj struci nema joj jamacno para u svijetu.2

2 Glaskasten auf einem erhöhten Postamente. In demselben finden sich die Eingeweide und die Binden der oben genannten Mumie. Auf den Binden zeigt sich eine Schrift, auf deren Spur man noch nicht gekommen ist. Der berühmte Prof. Brugsch, jetzt Conservator aller ägyptischen Museen und Alterthümer in Kairo, welcher lange Zeit diese Binden studirte und abschrieb, beabsichtigt über dieselben ein eigenes Werk herauszugeben. Dies ist solch eine Seltenheit, dass sie gewiss nicht ihresgleichen auf der Welt hat.

Inzwischen war auch Heinrich Brugsch bemüht, die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Kreise auf diesen Fund zu lenken. In einem am 26. Mai 1872 von dem Herausgeber der 'Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft' R. Krehl an Director Ljubic gerichteten Schreiben heisst es: 'Herr Prof. Dr. Brugsch hat bei Gelegenheit der in den letzten Tagen hier in Leipzig abgehaltenen Allgemeinen deutschen Philologenversammlung die Gelehrten auf ein, wie es scheint, im höchsten Grade interessantes Schriftmonument aufmerksam gemacht, welches er in Ihrem so überaus reichen Museum gesehen.' Der Bitte um Einsendung der Binden nach Leipzig konnte von Seiten der Musealverwaltung nicht entsprochen werden.

Ende 1873 besuchte Herr Prof. L. Reinisch die Agramer Sammlung und sprach in einem unten dem 25. December 1873 an Director Ljubic gerichteten Schreiben die Bitte aus, 'diese Inschriften in einem getreuen Facsimile zu veröffentlichen und auf die Art der Forschung zugänglich zu machen.

Ebenfalls durch Brugsch wurde im Jahre 1877 der bekannte Reisende R. F. Burton, welcher vor einigen Jahren als englisher Consul in Triest verstorben ist, auf die Agramer Binden aufmerksam gemacht. Burton war damals mit der Durchführung einer eigenthümlichen Theorie beschäftigt, er suchte in mehreren an das Londoner Athenäum gerichteten Zuschriften einen Zusammenhang zwischen den Runenschriften des Nordens und einer von ihm el-Mushajjar genannten arabischen Geheimschrift auf Palmblättern herzustellen. In dieser Stimmung musste ihn die Kunde von einer unbekannten Schrift auf ägyptischen Mumienbinden sympathisch berühren. Seinen Bemühungen verdankt man eine erste eingehendere Beschreibung der Binden und einen ersten Versuch einer Reproduction eines Theiles des Textes. Die Ergebnisse seiner Untersuchung fasste R. F. Burton in einem Aufsatze zusammen: 'The Ogham-Runes and el-Mushajjar', welchen er am 22. Jänner 1879 der Londoner Royal Society of Literature of the United Kingdom vorgetragen und in dem zwölften Bande der 'Transactions' derselben publicirt hat.

Seine Beobachtungen scheinen mir einer möglichst vollständigen Mittheilung werth zu sein.

'Travelling to Alexandria in October, 1877, with Dr. Heinrich Brugsch-Bey, I showed him my letter to the Athenaeum (7. April 1877); and that distinguished Egyptologist at once recognised several of the forms. In 1867-1868 happening to be at Agram, he was induced, little expecting that a new alphabet would be the result, to unroll an unopened mummy belonging to the Museum. Its date appeared to be 700-500 years, B. C.; and he was not a little surprised to find the swathed, some of them 20 feet long, covered not with hieroglyphs, but with characters partly Graeco-European (?) and partly Runic; at any rate non-Egyptian. The writing was divided, by regular lacunae, into what appeared to be chapters, each consisting of 10-20 lines, and the whole would make about 60 octavo pages. We could not help suspecting that he had found a translation of the Todtenbuch from Egyptian into some Arabic (Nabathaean?) tongue.'

Auf diese Mittheilung von Brugsch wandte sich Burton an seinen Freund Director Ljubic, welcher am 26. November 1877 erwiderte:

'...that it would be difficult to copy the swathes as the marks were doubtful, and that a competent photographer, Herr Standl, had failed to reproduce them in sun-picture. The colour of the cloth had been darkened by time to a dull yellow, and the letters refused to make an impression; perhaps, however, a better instrument might have succeeded. The idea of washing the fascie (swathings) white was rejected for fear of obliterating the marks.'

Während der Abwesenheit Burton's in Midian sandte seine Frau Herrn Philip Proby Cautley, derzeit englischen Viceconsul in Triest, nach Agram, um die Texte abzuschreiben. Ueber den Erfolg seiner Mission berichtete Cautley in einem an Burton unter dem 22. Jänner 1878 gerichteten Schreiben folgendermassen:

'On the morning of my arrival at Agram I called on Abbé Ljubic, who received me most cordially, and put himself entirely at my disposal. I then inspected the bandages of which many had been unswathed, and hat been removed to the Director's study from the antiquarian department of the Museo del Triregno, where the mummy stands. Though well preserved on the whole, the greater part is illegible; time and the exudations of the dead have stained them dark brown. They consist of linen-strips, varying from one to three yards in length, and cut off the piece, as they show no selvage. The breadth is about two inches; the stuff would be called coarse in our days, the warp and woof are equally thick; and the texture of the linen is very even.

'The writing is divided into sections of five or six lines each, measuring about seven and a half inches long, according to the length of the cloth. These must have been in hundreds; and one of the best specimens was shown to me at the town photographer's. Each peace appears to have been a chapter, separated by intervals of about two fingers breadth. The Abbé styled the characters 'Greco antico mischiato con caratteri jeratichi'; and he thinks that the mummy dates from the third or fourth century A. D. (In der Note: Dr. Brugsch-Bey, who upon these subjects is perhaps the highest living authority, assign, as has been seen, the mummy to the fifth century B. C.) The Graeco-hieratic idea may have arisen from the condition of the thick strokes, which extended originally over one and over two threads; now they have been erased on the upper part of the thread, so as to leave marks, often double, in the intervening spaces only. I mentioned to the Director my intention of copying the characters on tracing-cloth; the simplicity of the idea seemed to exite his merriment. However, next morning he admired the results obtained, and he asked me to leave some of the material so that he might try his hand.

'Choosing a well-marked chapter, I went to work by pinning a piece of tracing-cloth over it, and then following the characters as exactly as possible with a pencil. Curious to say, the tracing-cloth, instead of preventing the characters being seen, or rendering them more indistict, brought them out, I suppose by uniting the two strokes formed by the ink having been erased on the single threads. The work was continued as long as I could find a piece clear enough to be copied, and where the characters were near enough to one another for deciphering.

'The copies have been numbered from 1 to 5. In No. 3 you will remark the two lines are wanting at the bottom. The original does not show any stains or marks that could have been characters, while the three top lines are distinct. I take it, therefore, to have been the end of a chapter, or perhaps of the whole volume. No. 4 shows on the right hand a break in the manuscript which has been denoted by a dotted line.'

Die erwähnten Facsimiles sind auf vier Tafeln der angeführten Abhandlung Burton's beigegeben. Von den fünf Nummern der Cautley'schen Copien entspricht Nr. 1 dem Stücke 1g (Columne VIII, Z. 6-11) meiner Zählung, Nr. 2 dem Stücke 1d (Columne V, Z. 12-17), Nr. 3 dem Stücke 2e (Columne VIII, Z. 3-5), Nr. 4 dem Stücke 2f (Columne IX, Z. 5-10), Nr. 5 dem Stücke 2i (Columne XII, Z. 7-11).

Indem ich den Sachverhalt hier mittheile, kann ich mein Erstaunen darüber nicht unterdrücken, dass diese Mittheilung von Burton das Interesse weiterer Kreise auf den Agramer 'verborgenen Schatz', wie sich Brugsch auszudrücken pflegte, nicht gelenkt hat. Die Umgebung, in welcher der Agramer Text sich fand, die Ogham-Runen und die arabische Palmblätterschrift war gewiss nicht vertrauenerweckend1, es liegt jedoch auf der Hand, dass, wenn eine derartige nichtägyptische Schrift auf ägyptischen Mumienbinden sich fand, ein grosses, der Aufhellung bedürftiges wissenschaftliches Räthsel gegeben war.

1 Die Ausführungen von Burton haben keinen Beifall bei den Fachmännern gefunden; so sagt G. Stephens, The Old-Northern Runic Monuments of Scandinavia and England, vol. III (1884), S. 14, 15, von Burton, dass er 'on false track altogether' sei.

Im Jahre 1889 hat endlich Director Ljubic im ersten Bande des Katalogs des Agramer Nationalmuseums (Popis arkeologickoga odjela nar. muzeja u Zagrebu) S. 18-19 die in dem 'Vjestnik' gegebene Beschreibung wiederholt und in einer ausführlichen Note auf die eben mitgetheilten Untersuchungen und Anfragen von Burton, Krehl, Reinisch aufmerksam gemacht. Auserdem hat er auf Tafel I des 'Popis' ein Facsimile von acht Zeilen unseres Denkmals gegeben (Nr. 24 und 26 - es sind Nr. 3 und 4 der Cautley'schen Copie) und eine von dem Agramer Photographen Standl mit grosser Mühe hergestellte photographische Aufnahme eines kleinen Stückes einer Binden reproducirt.

§4. Die Mumie, pp. 10-11

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