Krall's publication, 1892, pp. 23-27



I. Der Fund.


§10. Inhalt der Rolle.

Principiell werden wohl alle Etruskologen mit dem Grundsatze einverstanden sein, dass die Entzifferung des Etruskischen aus sich selbst heraus unternommen werden müsste, und erst, wenn es auf diesem Wege gelänge, über die linguistische Stellung des Etruskischen klar zu werden, verwandte Sprachen als Hilfsmittel der Entzifferung herangezogen werden sollten. Dass dieser Grundsatz praktisch nicht ausgeführt worden ist und die verschiedensten Sprachen für das Etruskische in Contribution gesetzt wurden, rührt von dem Umstande her, dass die bisherigen Texte zu kurz und dürftig waren, um ein derartiges Vorgehen zu gestatten.

'Ein paar Seiten eines etruskischen Buches würden bessere Dienste für die Entzifferung leisten als die Namenregister, die wir den Nekropolen entnehmen,' sagt H. Nissen1 in seiner 'Italischen Landeskunde'.2 Rascher, als man erwarten konnte, ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen.

1 Es gereichte mir zur besonderen Freude, Herrn Professor Nissen im September 1891 die Mumienbinden auf der hiesigen k. k. Universitätsbibliothek zeigen zu können.
2 S. 496.

Wiewohl es nicht meine Absicht ist, mich hier an einer Entzifferung des Textes zu versuchen, so glaube ich doch die Momente anführen zu sollen, welche wenn auch nur schwache Anhaltspunkte zur Bestimmung des Inhaltes unserer Rolle geben.

Es liegt auf der Hand, dass für die Entzifferung des Textes die Frage nach dem Verhältnisse der Mumie zu dem auf ihr befindlichen Texte von der grösste Wichtigkeit ist. Wenn wir annehmen könnten, dass die fragliche Leinwandrolle für die Mumie speciell geschrieben war, so wäre es nahezu sicher, dass wir es mit einem funerären Texte zu thun haben, ja wir könnten sogar erwarten, in demselben Namen und Filiation der Mumie erwähnt zu finden. Da jedoch andere Annahmen zum Mindesten ebenso berechtigt sind, so sind wir lediglich auf Vermuthungen angewiesen, welche in den wenigen etruskischen Wörtern, deren Bedeutung mit annähernder Sicherheit bisher eruirt werden konnte, ihre Stütze finden.

Eines scheint mir festzustehen, von einer Uebersetzung eines ägyptischen Textes, etwa von Abschnitten des Todtenbuches, kann nicht die Rede sein. Keiner der ägyptischen Götternamen kommt, so viel ich sehe, vor, ebensowenig Wortgruppen, die man als ägyptisch anzusehen geneigt sein könnte. Auch die Anlage des Textes spricht gegen eine Uebersetzung aus dem ägyptischen Todtenbuche.

Es fällt auf, dass unser Text in Absätzen geschrieben ist, welche fast immer durch grössere leere Zwischenräume von einander getrennt sind. Die erhaltenen Anfänge dieser Absätze lauten:

VI 9
VI 14
VIII 1
VIII 3
IX g 2    
XI 12
XI 17
zathrumsne lusas' fler hamphisca thezeri u. s. w.
eslem zathrumis' acale tins'in s'arve u. s. w.
thucte cis' s'aris' esvita vacltnam u. s. w.
celi huthis' zathrumis' flerxva nethunsl u. s. w.
ciem cealxus' lauxumneti eisna thaxs'ein u. s. w.
eslem cealxus etnam aisna cesal? u. s. w.
thunem [cialxus' et]nam? ix eslem cialxus' vanal?? u. s. w.

Man bemerkt, dass an den Anfängen dieser Absätze regelmässig Zahlwörter stehen: zathrumsne - eslem zathrumis' - cis' - huthis' zathrumis' - ciem cealxus' - es'lem cealxus - thunem [cialxus'], eslem cialxus'. Ja, man möchte eine gewisse Regelmässigkeit in der Reihenfolge dieser Zahlwörter erkennen:

zathrumsne

eslem zathrumis'

huthis' zathrumis'

ciem cealxus'
es'lem cealxus
thunem [cialxus']

Die zathrumis'-Gruppe wird von der cialxus'-Gruppe abgelöst; man bemerkt aber auch, dass cis' die Reihe durchbricht. Auch dieses regelmässige Vorkommen von Zahlwörtern am Anfange der Absätze spricht gegen eine Uebersetzung aus dem ägyptischenTodenbuche. Wäre die Reihenfolge streng eingehalten, so könnte man an eine Zählung der Capitel denken. Ebensowenig ist es gestattet, die Zahlen am Anfange der Absätze als Monatsdaten zu fassen. Gegen die Annahme, nach welcher die Leinwandrolle einem Festkalender entsprechen würde, 1 spricht die Thatsache, dass die Reiche durch cis' durchbrochen wird und die Gleichungen zathrumis' = 10, cealxus' = 20 kaum zulässig sind. Wahrscheinlicher ist es, dass wir Aufzählungen von Gegenständen oder Personen vor uns haben.

1 Einen Moment glaubte ich eine Stütze dieser Annahme in der Stelle VIII 3 celi huthis' zathrumis' zu finden, indem ich an den angeblich etruskischen Monatsnamen Caelius = September dachte, vgl. Müller-Deecke, Die Etrusker, II, 307 A.

Besonders merkwürdig ist die letzte der angeführten Stellen. Sie findet sich auf jenem Theile der XI. Columne, welcher von dem Ende der Binde 5 und dem Anfange der Binde 8 gebildet wird. Da Spuren der oberen Enden der ersten Zeile (XI 15) dieses Stückes (5 e/8) auf dem Stücke 1 k stehen, erkennt man, dass Binde 5 nicht direct an Binde 8 sich anschliesst, sondern durch einen in seinem oberen Theile etwa 1 Cm., in seinem unteren Theile etwa 2 Cm. breiten, verloren gegangenen Streifen getrennt war. Ausserdem sind die Binden 5 und 8 gerade an dieser Stelle von dunklen Flecken bedeckt. Wie sehr die ätzende, Flecken bildende Flüssigkeit die Leinwand zusammenzog, kann man an dieser Stelle ersehen. Trotz alledem liess sich die Lesung mit Ausnahme dreier Buchstaben in Zeile 15 und einer Stelle in Zeile 18 mit ziemlicher Sicherheit feststellen.

Wenn wir nun in Zeile 17 lesen:

thunem [cialxus' et]nam? ix eslem cialxus'
vanal?? xxxxxxxxxxxxnam thesan

und bedenken, dass thunem cialxus' und eslem cialxus' zweifellos Zahlwörter sind, ferner dass diese Zahlwörter in demselben Casus stehen, so wird es sehr wahrscheinlich, dass das 'ix', welches die beiden Gruppen verbindet, 'und' bedeutet. Auch die anderen Stellen, in denen 'ix', beziehungsweise 'ic' in unserem Texte vorkommen, stimmen mit der gegebenen Deutung. Vgl. vor Allem
XI 4, 5 und VII 22
XII 9
etnam ix matam
etnam aisna ix matam

Instructiv ist auch die Stelle X 9, wo der sonst bekannten Wendung: hetrn aclxn eis cemnac (s. unten S. 46) ix veltha etnam u. s. w. angeschlossen wird.

Dieses 'ix' beziehungsweise 'ic' möchte ich mit jenem siffigirten -x beziehungsweise -c zusammenstellen, welches allgemein als 'und' gefasst wird.1 Unser Text gibt uns mannigfache Beispiele dieses -x (-c), welche diese Deutung bekräftigen. Ich mache voe Allem auf das häufige s'pureri methlumeric, auf meleri sveleric, auf hathrthi repintic, auf sulxva mathcvac, auf xis' esvis'c, auf theiviti favitic, auf thesane uslanec, auf s'ucri (wohl für s'uceri) thezeric aufmerksam.

1 Lattes in den Memorie dell' Istituto Lombardo 1873, S. 11, 271. - Deecke, Etr. Fo. I, S. 5-37.

Was diese etnam, deren Anzahl uns in Zeile XI 17 gegeben wird, bedeuten, lässt sich nicht sagen, doch kann man vermuthen, dass 'Opfergaben' oder Aehnliches darunter zu suchen ist. In verschiedenen Abschnitten unseres Textes, vor Allem, wie der Index ausweist, in der siebenten Columne, wird von diesen 'etnam' gehandelt, welche verschiedene Zusätze rehalten (z. B. aisna, celucn, tesim u. s. w.). Für die Endung vgl. vacltnam, matam, cexam, suntnam, cntnam, cletram, putnam, calatnam.

An unserer Stelle ist sonach von zweierlei 'Opfergaben' (?) die Rede, welche durch 'ix' (und) verbunden sind. An einer anderen Stelle wird von einer Anzahl lauxumneti gehandelt, wobei der Parallelismus zu beachten ist:

IX g 2
XI 12
ciem cealxus' lauxumneti eisna und
eslem cealxus etnam aisna.

Lauxumneti ist ein Casus von lauxumna, wie reurzineti? von reuxzina?. Vielleicht haben wir es hier mit Priestern, beziehungsweise Pristerinnen zu thun.

An einem der angeführten Columnenanfänge finden wir ein fler, an einem anderen ein flerxva nethunsl erwähnt. Flerxva ist eine Ableitung von fler mittelst des Suffixes -cva, -xva. Aehnliche Ableitungen liegen uns vor in cerer-xva, culs-cva, math-cva, sus-xva, un-xva, s'an-cve, s'ren-cve, s'ren-xve.

An den Anfängen der Absätze finden wir in unmittelbarer Nähe der Zahlwörter an zwei Stellen sicher Götternamen: Nethunsl (Neptun) und Tins'in (Jupiter) - möglicherweise kommen solche auch an anderen Stellen unerkannt vor - und es drängt die Vermuthung sich auf, dass die 'Opfergaben' (?) und 'Priester' (?), deren Anzahl specificirt wird, mit diesen Gottheiten in Verbindung stehen. Ausser den genannten Gottheiten werden in unserem Texte Thesan (Aurora), vielleicht auch Usil (Sol) und Uni (Juno) erwähnt.

Auf Grund dieser Anhaltspunkte möchte ich unsere Rolle für ein Stück eines Opferrituals halten.

 


 

In letzter Stunde (Brief aus Agram vom 27. März) gelang es Herrn Director Ljubic, Inventaraufzeichnungen von der Hand des früheren Leiters des Museums, M. Sabljar, zu finden, welche für mehrere der oben erörteten Fragen von der grössten Wichtigkeit sind und die als älteste authentische Beschreibung des Denkmals hier folgen lasse.

Imovina narodnog Muzeja.

Misirske starine (Egipatske)
Tekuci
broj
PoklonioNadjenoOpisDobro
sacuvano
1g. Ilija Baric, podarcidjakon biskupije Djakovacke u Golubincu iz Misira donio Mihailo Baric, perovodja kr. pridvorne kancelarije ugarske, i po njegovoj smrti ostavio bratu svomu Iliji. 1. Mumia gola zenska, stojeca uz jednu zeleznu sibku na drvenom ugladjenom podnozju, sa crljenkastim lasimah, malo pozlate na celu i na ramenamah, u jednoj crno ugladjenoj skrinji sa staklom na svim 4 stranamah u nutarnjim pepelasto bojadisanim svilnim zastorom s okovanim vratama i sa dvie kljucanice i kljuce, od koji gornji uzice zatvara, s kojim se zastor u visinu dize.
2. Druga skrinja stoji na iz visitim podnozju, crno ugladjena, sa staklenima vratamah, okovom, bravom i kljucem. U njoj stoji drob i povoji od gore spomenute mimije, i komadah listinah napisatih na papirusu travi. I vecina povojah ima pisamah i hiroglifah.1

1

1

1Inventar des Nationalmuseums.

Aegyptische Alterthümer
Laufende
Zahl
GeschenkFundortBeschreibungGut
erhalten
1des Herrn Elias Baric, Vice-Archidiakon der Diakovarer Diöcese in Golubinac. aus Misir gebracht von Michael Baric, Concipist bei der k. ungar. Hofkanzlei, und nach seinem Tode hinterlassen seinem Bruder Elias. 1. Nackte weibliche Mumie, an einem eisernem Stabe stehend, auf einem hölzernen polirten Postamente, mit röthlichen Haaren, etwas Vergoldung auf Stirne und Schultern, in einem schwarz polirten Schreine mit Glas auf seinen vier Seiten, im Innern mit einem Seidenvorhang von aschgrauer Farbe, beschlagenen Thüren, zwei Schlössern und Schlüsseln, von welchen der obere die Schnur schliesst, mit welcher der Vorhang in die Höhe gehoben wird.
2. Anderer Schrein, stehend auf einem erhöhten, schwarz polirten Postamente mit Glasthüren, mit Beschlag, Schloss und Schlüssel. In ihm finden sich die Eingeweide und Binden der oben genannten Mumie und Stücke von beschriebenen Blättern auf Papyrusgras. Auch die Mehrzahl der Binden hat Inschriften und Hieroglyphen.

1

1


Herr Hofrath Jagic hatte die Güte, die in dieser Arbeit gegebenen Uebersetzungen aus dem Kroatischen einer Durchsicht zu unterziehen.

Aus diesen Inventaraufzeichnungen ergibt sich, dass, wie noch heutzutage, schon bei der Aufnahme in der Agramer Sammlung, welche spätestens im Jahre 1865 (Todesjahr M. Sabljar's), erfolgt sein muss, die nackte Mumie und die Mumienumhüllung, zu welcher die beschriebenen Binden gehörten, in zwei verschiedenen Glaskästen untergebracht waren. Die Befreiung der Mumie von den Binden muss sonach vor 1865, sei es von Elias Baric, sei es vielleicht schon von M. v. Baric, vorgenommen worden sein. Aus dem Inventar ergibt sich ferner, dass schon M. Sabljar die Schrift auf den Binden wahrgenommen hatte und dieselbe, da sie auf einer ägyptischer Mumie vorkam, für Hieroglyphenschrift hielt, was bei einem Nichtfachmann natürlich ist. Erst als Brugsch constatirt hatte, dass die fragliche Schrift mit den ägyptischen Schriften nicht identisch sei, war, wie oben bemerkt, das Problem gegeben. Die merkwürdigste Angabe des Inventars ist die, dass sich neben den Binden auch brschriebene Stücke von 'Papyrusgras' vorfanden. Leider lässt es sich nicht feststellen, wohin dieselben gerathen sind. Jetzt finden sich in den Kästen, in welchen die Mumie ind ihre Umhüllung aufbewahrt werden, keinerlei Papyrusfragmente vor. Bildeten die Papyrusstücke Theile des Todtenbuches der Mumie, welche bei deren Abwicklung zum Vorscheine kamen, oder wurden sie gelegentlich von M. v. Baric in Aegypten erworben? Auf jeden Fall erhällt die Ueberlieferung, dass M. v. Baric die Mumie in Aegypten acquirirte, durch dieses Factum eine weitere Bestätigung.

II. Reconstruction des Textes, pp. 27-30

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