Krall's publication, 1892, pp. 1-4

 

III.
DIE ETRUSKISCHEN MUMIENBINDEN


DES

AGRAMER NATIONAL-MUSEUMS.


BESCHREIBEN UND HERAUSGEBEN
VON
PROF. J. KRALL.
MIT 10 LICHTDRUCKTAFELN.




VORGELEGT IN DER SITZUNG VOM 7. JÄNNER 1892.

I. Der Fund. pp.1-27

Contents of I. : §2. Michael v. Baric, pp. 4-5
§3. Auffindung der Binden, pp. 6-10
§4. Die Mumie, pp. 10-11
§5. Die Binden, pp. 12-15
§6. Verhältniss der Binden zu der Mumie, pp. 15-17
§7. Die Zeit der Niederschrift der Binden. - Die Turscha- Frage, pp. 17-19
§8. Die Leinwandrolle, pp. 20-21
§9. Schrift und Tinte, pp. 21-23
§10. Inhalt der Rolle, pp. 23-27


Contents: II. Reconstruction des Textes. pp.27-30
Columne I. - XII., pp. 31-41
Bemerkungen zur Lesung, pp. 42-46
III. Index. pp.46-58
IV. Die Frage der Echtheit. pp.58-62
V. Materielle Untersuchung der Agramer Mumienbinden. pp.63-70


List of Tables: I. | II. | III. |
IV. | V. | VI. | VII. |
VIII. | IX. | X.


§1. Gang der Untersuchung.

Anlass zu der vorliegenden Untersuchung gab eine Stelle des Katalogs der ägyptischen Sammlung des Kroatischen Nationalmuseums in Agram, welcher in dem ersten Hefte der 'Kroatischen Revue' aus dem Jahre 1880 von J. v. Bojnicic veröffentlicht wurde.

Die fragliche Stelle lautet: 'In einem Glaskasten stehend die ihrer Bandagen entkleidete Mumie einer jungen Frau. Sie wurde durch Michael Baric aus Aegypten gebracht. In einem anderen Glaskasten werden die zu ihr gehörigen Mumienbinden bewahrt, die vollkommen mit bisher unbekannten und unentzifferten Schriftzeichen bedeckt sind. Als einziges Beispiel einer bisher unbekannten ägyptischen (!) Schriftart gehören obige Binden unter die hervorragendsten Schätze unseres Nationalmuseums.'

Wiewohl ich auf diese Stelle bald nach dem Erscheinen des ersten Heftes der 'Kroatischen Revue' aufmerksam wurde, war es mir erst im Laufe des Jahres 1890 möglich , die Sache ernstlich ins Auge zu fassen. Dem Custos des Nationalmuseums, Herrn Dr. J. v. Bojnicic, verdanke ich in dieser Angelegenheit eine Reihe werthvoller Mittheilungen und guter Rathschläge. Als meine Arbeit bereits abgeschlossen war, hat mir der Director des Nationalmuseums, Herr Professor S. Ljubic, welcher, wie wir sehen werden, zahlreiche, wenn auch vergebliche Versuche gemacht hat, das Interesse weiterer Kreise auf den seiner Obhut anvertrauten Schatz zu lenken, durch eine Reiche wichtiger Angaben über die früheren Schicksale der Binden erfreut (erster Brief aus Agram vom 2. Februar 1892), welche ich an den entsprechenden Stellen eingefügt habe. Beiden Herren bin ich fur die meiner Arbeit erwiesene Förderung zu Danke verplichtet.

Indem eine Reise nach Agram zum Zwecke des Studiums der Binden an Ort und Stelle sich als unthuntlich erwies, gerieth ich auf den Ausweg, um Uebersendung der Binden nach Wien einzuschreiten. Der erleuchteten Liberalität der hohen k. kroatisch-slavonisch-dalmatinischen Landesregierung und der gütigen Verwendung des hohen k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht verdanke ich es, dass ich die Binden in den Räumen der hiesigen k. k. Universitätsbibliothek durch über ein Jahr bennützen konnte. Ohne diese mächtige Förderung wäre es mir, wie ich mit grossem Danke erwähne, kaum gelungen, die Untersuchung zu einem befriedigenden Abschlusse zu führen. Dem Director der k. k. Universitätsbibliothek, Herrn Dr. F. Grassauer, bin ich für die Gastfreundschaft, welche er den Binden gewährt hat, und die allseitige Unterstützung, welche er meiner Arbeit zu Theil werden liess, zu Dank verpflichtet.

Die Binden langten am 31. Jänner 1891 auf der hiesigen Universitätsbibliothek ein, erst am 3. Februar war es mir möglich, sie zu sehen. Ich darf wohl hier anführen, auf welchem Wege ich dazu gelangt bin, das Denkmal näher zu bestimmen. Als ich die Binden zum ersten male sah, war ich durch das verwahrloste Aussehen derselben und die arg verwischte Schrift überrascht und entmuthigt. Erst als das Auge durch Vergleichung der am besten erhaltenem Stellen die Buchstabenformen schärfer zu erfassen vermochte, schrieb ich einige Zeilen (darunter auch Zeile 1e5) ab. Als ich dann zu Hause meine Copie durchnahm und an der Hand mehrerer Schrifttafeln zu transscribiren versuchte, zeigte sich mir, dass das etruskische Alphabet am besten dem Alphabete der Binden entspräche. Beim Durchblättern der einschlägigen Literatur fiel mir am folgenden Tage in Pauli's 'Die etruskischen Zahlwörter' die S. 9 gesperrt gedruckte Gruppe, 'eslem | (z)athrumis' auf, welche ich am Vortage abgeschrieben zu haben mich erinnerte. Ich las bei Pauli weiter, dass in der ursprünglichen Publication von Gamurrini 'eslen | athrum:s' stand und die richtige Lesart, die ich nun auf meinen Binden fand, erst von Deecke in den G. G. A. 1880, S. 1440 gegeben war. Je weiter ich dann in der Enzifferung des Textes fortschritt, desto klarer traten die Uebereinstimmungen der gramatischen und lexikalischen Erscheinungen meines Textes mit den bekannten etruskischen Inschriften auf, so dass ich mich bald überzeugen musste, dass nur auf diesem Wege die Lösung des Räthsels zu finden sei.

Die Ueberraschung, welche sich bei diesem Ergebnisse meiner bemächtigte, hat wohl Jeder bei der ersten Mittheilung dieses Fundes getheilt. Ich hatte nach jener Stelle der 'Kroatischen Revue' einen libyschen oder karischen Text zu finden erwartet, manchmal gar an einen altkoptischen Text gedacht, und stand nun vor dem grössten etruskischen. Und nun drängte sich sofort eine Frage auf, welche ganz geeignet war, in der Freudenbecher manch bitteren Wermuthstropfen zu mischen - die Frage nach der Echtheit des Denkmals.

Eine grosse Unterstützung bei der Lösung der hier einschlägigen Fragen verdanke ich dem glücklichen Umstande, dass eine Autorität auf diesem Gebiete, unser Pflanzenphysiologe Herr Prof. Julius Wiesner, die Binden einer eingehenden naturwissenschaftlichen Prüfung unterzogen hat. Die Ergebnisse derselben, welche nicht nur für die Agramer Mumienbinden und deren Schrift, sondern für altägyptischen Binden und Schriften überhaupt von Wichtigkeit sind, sind in der Beilage: 'Materielle Untersuchung der Agramer Munienbinden' mitgetheilt.

Eine mehrjährige Beschäftigung mit dem koptischen Antheile des grossen Faiûmer und Schmûner Fundes, welcher in der Sammlung der Papyrus Erzherzog Rainer erhalten ist, hat mich in die Lage gesetzt, bald die Aufeinanderfolge der Binden festzustellen, an der Entzifferung und Richtigstellung des Textes, bei welcher mich genaue Indices der Wortanfänge und -Endungen und Consonantenverbindungen mächtig förderten, habe ich degegen bis zum letzten Augenblicke gearbeitet. Hier habe ich zu erwähnen, dass die Entzifferung einiger Stellen erst Herr Julius Wiesner durch Entfernung der die Schrift deckenden dunkeln Flecken ermöglicht hat.

Im Herbste 1891, als ich mit den Haupfragen im Reinen war und die Lesung des Textes im Grossen und Ganzen vorlag, habe ich den Herren Bücheler, Deecke und Pauli meine Ergebnisse und Copien grösserer Theile des textes vorgelegt. Später haben auch die Herren Bréal, Bugge und Lattes in meine Lesungen Einsicht genommen. Aus der Zustimmung, welche meine Ergebnisse und Lesungen nach eingehender Prüfung bei diesen hervorragenden Kennern des Etruskischen gefunden haben, habe ich zur Veröffentlichung dieser Arbeit, welche sich vielfach auf noch dunklen Pfaden bewegt, Muth und Hoffnung geschöpft.

Um der Stand meiner damaligen Untersuchung zu skizziren, lasse ich den Entwurf des Briefes folgen, mit welchem ich zuerst im August 1891 den Herren Deecke und Pauli Nachricht von dem Funde gegeben habe:

"Seit einiger Zeit bin ich mit dem Studium eines sehr merkwürdigen Schriftdenkmals beschäftigt - mit jenen Mumienbinden des Agramer Museums, welche Brugsch schon. 1868 gesehen und als mit einer 'unbekannten ägyptischen (!) Schrift' beschreiben erklärt hatte. Der bekannte Reisende Burton soll sie dann für altirisch gehalten haben. Die Angaben von Brugsch in der 'Kroatischen Revue' veranlassten mich, die fraglichen Binden nach Wien kommen zu lassaen. Ich erwartete karische, libysche Texte auf denselben zu finden. Die nähere Prüfung derselben nöthigte mich, sie für  e t r u s k i s c h  zu halten. Vorerst im Allgemeinen den Thatbestand. Die Mumie gehört seit den Fünfzigerjahren dem Museum als Geschenk eines Geistlichen an. Es ist die Mumie einer Frau. Unter der Masse der Binden fanden sich etwa zehn, welche mit jener räthselhaften Schrift beschreiben waren, sonst fand sich nichts Schriftliches vor. Die Mumie wurde erst in Europa von den Binden befreit. Die Untersuchung der Binden hat mir ergeben, dass dieselben ursprünglich ein Leichentuch bildeten, welches in Streifen schon in alter Zeit, d. h. von den Einbalsamirern zerschnitten wurde. Ich kann einen grossen Theil dieses Leichentuches reconstruiren. Auf demselben standen nachweislich zwölf Columnen, welche von rothen Strichen rechts und links umgrenzt waren. Jede Columne hatte etwa 30 Zeilen, vielleicht auch mehr. Ueber 200 Zeilen des Textes habe ich beisammen. Der Schrift und dem Ganzen nach zu urtheilen, gehört das Denkmal der Ptolemäerzeit an. Ich denke, dass eine etruskische Familie in jener Zeit lebhafter Handelsbeziehungen zwischen Italien (Rom) und Aegypten in Aegypten angesiedelt war, dass ein weibliches Mitglied derselben vorliegt, nach ägyptischer Weise einbalsamirt und mit einem heimischen funerären Texte versehen. Man bekommt eine gute Vorstellung der libri lintei. Die Schrift ist sicher, von den Tausenden von Buchstaben kaum einer oder der andere etwas missrathen. Leider lag die Mumie, wie ich glaube, in feuchtem Erdboden, so dass die Schrift sehr abgeblasst ist; viele Flecken hindern uns oft im Lesen. So wird die Lesung vieler Ziechen trotz aller angewendeten Mühe doch zweifelhaft bleiben. namentlich ist es schwer, zwischen m und s', zwischen t, z und x u. s. w. zu unterscheiden. Den Text für etruskisch zu halten veranlasst mich vor allem die Schrift. Einige Zeilen zeigen dies hinlänglich (es folgte ein Facsimile der Zeilen VIII, 3-5 und V, 12-15). Es fehlen b, d, k durchaus in dem langem Texte. Dann haben wir viele der wohlbekannten etruskischen Wörter und Endungen in diesem Texte. So z. B. gleich das bekannte zathrumis', in dem vorstehenden Stücke in der Verbindung huthis' zathrumis'. Wir haben auch eslem zathrumis' acale tins'in u. s. w. Auch andere Zahlwörter haben wir in reicher Fülle, so eslem cealxus', thunem cialxus', ciem cealxus'. Sie sehen den Wechsel in der Ortographie cealxus, cealxus', cialxus', cialxuz. Ebenso finden wir cemnac und cemnax, aisna und aisne, alphazei und elphazei. Merkwürdig ist methlum, welches in der Verbindung s'pureri methlumeri in der gegebenen Textprobe vorkommt; ich habe auserdem methlumeric, methlumth, methlumes'c. Auch an der gegebenen Stelle würde man methlumeric erwarten. Wichtig ist auch das flerxva nethunsl. Nethunsl ist doch eine Form von Nethuns, Neptunus. Von flere habe ich ausserdem fler, flereri, flers. Ist vinum das lateinische vinum? Der Inhalt ist, wie Sie sehen, kein historischer, auch keine Uebersetzung eines ägyptischen Textes, es muss ein funerär-liturgischer Text sein. Man möchte vermuthen, dass in demselben die Opfer und Feiern beim Begräbnisse vorgeschrieben werden."

Schwierig war die Frage der Reproduction des Textes. Wir werden noch sehen, wie die nach dieser Richtung früher gemachten Versuche gescheitert sind. Durch Anwendung des ortochromatischen Verfahrens ist es nach mehreren Versuchen in der von Herrn Prof. J. M. Eder geleiteten k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und photographisches Reproductionverfahren gelungen, der Schwierigkeiten, welche vor Allem in der gelben Färbung der Binden lagen, Herr zu werden. Theils mit Rücksicht auf das Format der Publication, Theil um die Schrift besser hervortreten zu lassen (s. unten S. 21), sind die Aufnahmen in zwei Drittel der Originalgrösse hergestellt. An der Hand dieser vorzüglichen Reproductionen, welche die Eigenthümlichkeiten des Originals in jeder Richtung wiedergeben, kann man die gegebenen Lesungen nachprüfen.

Dankend zu erwähnen habe ich die Unterstützung, welche ich bei meinen Nachforschungen von Seiten der Herren Dr. Stich, Dr. Donabaum und Dr. Frankfurter, Beamten an der hiesigen k. k. Universitätsbibliothek, gefunden habe.

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§6. Verhältniss der Binden zu der Mumie, pp. 15-17
§7. Die Zeit der Niederschrift der Binden. - Die Turscha- Frage, pp. 17-19
§8. Die Leinwandrolle, pp. 20-21
§9. Schrift und Tinte, pp. 21-23
§10. Inhalt der Rolle, pp. 23-27

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